Barbara, 36, Journalistin

Gezeugt, geboren und begraben

Bei Barbaras Baby wurde im 5. Monat kein Herzschlag festgestellt. Die Geburt sollte eingeleitet werden. Das Ganze dauerte drei Tage. Mit Medikamenten. Mit Schmerzen. Und mit Komplikationen.

„Ich kann den Herzschlag nicht finden“, sagt meine Frauenärztin zu mir. Ich bin im fünften Monat schwanger und kann das Baby auf dem Bild sehr gut erkennen. Kopf, Wirbelsäule, Beinchen „Dann gucken Sie halt genauer“, denke ich. Sie fährt mir noch ein paar Mal über den Bauch, sagt nichts und holt dann ihre Kollegin. Ich denke an alles Mögliche: „Gerät kaputt? Kind liegt verkehrt? Frauenärztin doof?“, aber erst nachdem die zweite Frauenärztin mir auf der Bauchdecke herumstochert und zu ihrer Kollegin sagt „Den Befund muss ich leider bestätigen“ und mir dann mit den Worten „Tut mir furchtbar leid“ die Hand gibt, dämmert mir, dass irgendwas wohl nicht in Ordnung ist.

Ich ziehe mich wieder an, wir setzen uns an den Tisch, meine Frauenärztin fängt an zu reden: „Das kommt sehr selten vor nach der 12. Woche. Am besten, Sie gehen sofort in die Frauenklinik, um die Geburt einleiten zu lassen.“

Ich spüre gar nichts. „Sie sind ja sehr gefasst.“ Ich bin überhaupt nicht gefasst, ich habe nur nichts verstanden.

Erst auf dem Weg zur Frauenklinik kommt bei mir an, was passiert ist: Mein Kind ist tot. In meinem Bauch gestorben. Einfach so.

Und jetzt soll die Geburt eingeleitet werden? Ich soll das Kind kriegen?!? Ich weine, will eine Vollnarkose, sie sollen das Kind rausholen und wegschmeißen, sofort, ich will es nicht sehen, nicht wissen, was es war, so tun, als wäre ich nie schwanger gewesen. Das geht nicht.

Der Fötus ist schon zu groß, als dass einfach ausgeschabt werden könnte. Er hat einen Kopfumfang von fast drei Zentimetern, dafür muss sich der Muttermund öffnen.

Ich kriege also mein totes Kind. Es dauert drei Tage. Drei Tage, die mein Mann und ich in der Frauenklinik sitzen.

Ich kriege also mein totes Kind. Es dauert drei Tage. Drei Tage, die mein Mann und ich in der Frauenklinik sitzen. Wir versuchen, zu verstehen, was passiert ist, aber das geht nicht. Wir langweilen uns. Die wehenauslösenden Mittel machen mir heftigen Durchfall, sonst tut sich nichts. Das Personal ist unfähig und unsensibel, fragt mich fünfmal, welche Medikamente ich nehme, manche schreiben es sogar in die Akte und fragen dann doch noch ein sechstes Mal nach. Der Dialog bei der Anmeldung: „Warum sind Sie hier?“ „Zur Einleitung.“ „Oh, will das Baby nicht rauskommen?“ „Nein, es ist tot.“ Daraufhin schnappt die Sachbearbeiterin nach Luft, als wäre ihr was Schreckliches passiert.

Wenn ich Fragen stelle, bekomme ich von jedem Arzt, jeder Schwester unterschiedliche Antworten. („Sie müssen die Medikamente alle vier Stunden nehmen.“ – „Alle zwölf Stunden.“ – „Wieso haben Sie die Medikamente denn schon wieder genommen?“)

Am dritten Abend haben wir Besuch von zwei Freundinnen und einem Freund und ich habe Bauchschmerzen. Das habe ich allerdings schon seit drei Tagen, es beunruhigt mich nicht. Ich muss ständig aufs Klo. Durchfall. Beim x-ten Toilettengang tropft plötzlich Blut. Ich stehe auf, ziehe mir die Unterhose hoch – gerade rechtzeitig, als eine einzige schmerzhafte Wehe durch meinen Körper schießt und „etwas“ aus mir herauskommt. Ich schreie. Und ziehe dann am Notfallknopf.

Nach mehreren Minuten, in denen das Blut tropft und ich es nicht wage, zu schauen, was genau da gerade aus mir herausgekommen ist, trödelt eine Krankenschwester mit Schokocroissant in der Hand herein. Was los sei? Ich schreie: „Ich habe Wehen! Ich glaube, ich habe auch schon etwas geboren!“ – „Kommen Sie mit, wir gehen in Ihr Zimmer.“ – „Gehen? Ich kann doch nicht gehen, ich blute, ich…“ Sie geht, ich schreie ihr hinterher: „Bitte sagen Sie meinen Mann, dass er zu mir kommen soll, und schicken Sie unseren Besuch nach Hause.“
Wieder nach mehreren Minuten kommt sie wieder, mit einem Kollegen. Nun verlangen beide von mir, dass ich über den Gang in mein Zimmer laufe. Ich tue es – blutend, wütend, mit meinem toten Fötus in der Unterhose und brülle die Schwester als völlig bescheuert und unfähig an. Als ich blutüberströmt und hysterisch mein Zimmer betrete, sitzen da mein Mann und unser Freund (die zwei Freundinnen sind gerade Getränke kaufen) und wissen von nichts.

Von dem Moment an kann ich nur noch weinen.

Es kümmern sich dann irgendwann auch kompetentere Menschen um mich. Eine Schwester befreit mich von meiner Hose und deren Inhalt, eine Ärztin kommt, um mich zur Ausschabung mitzunehmen. Erst hat sie es so eilig, dass sie mir nicht erlauben will, mir mein Kind noch anzuschauen. Dann aber ist eh kein Anästhesist da und die OP hat plötzlich keine Priorität mehr.
Ich habe keine Nerven übrig, um mich darüber zu ärgern oder zu wundern, denn ich habe mein Kind auf dem Schoß und weine. Ich hatte ein blutig-gruseliges Etwas erwartet, aber mein Kind sieht einfach nur aus wie ein Baby, wenn auch ein ganz ganz kleines. Es hat Ohren, Hände, Füße. Sogar Fingernägel. Ich streichle ihm die Hand. Ich weine. Wir verabschieden uns.

Als nächstes fragt mich die Ärztin, ob ich für die Ausschabung eine PDA will “oder ein bisschen schlafen”. Bisher war immer nur von Vollnarkose die Rede gewesen, nie von einer Alternative und ich bin nicht in der Lage, jetzt, nachdem ich gerade entbunden habe und ziemlich durcheinander bin, über so etwas nachzudenken und zu entscheiden. Also “bisschen schlafen”. Sie rollen mich in meinem Bett in den OP-Saal, dort warten mehrere Frauen und ein Gynäkologiestuhl auf mich. Jede zieht an einem anderen Körperteil, misst Blutdruck oder fuchtelt mit einer Maske vor meinem Gesicht herum. Ich weine vor mich hin und starre an die Decke. Glücklicherweise versucht keine, etwas mitfühlendes zu sagen, alle machen einfach nur ihren Job und schon bin ich weg.

Auch nach der Ausschabung darf ich ihn – inzwischen wissen wir, dass es ein Junge ist – noch mal sehen, aber in einem absurden Bedürfnis, pietätvoll zu sein, haben sie ihm nun eine seltsame Körperhaltung verpasst. Vorher lag er in sich zusammengekauert in der Embryonalstellung da. Nun haben sie ihn auf etwas Küchenkrepp und ein grünes Blatt gelegt und ihn dabei auf den Rücken gedreht und ausgestreckt, neben ihm liegt eine Blume. So liegt kein Baby jemals da und ein Fötus erst recht nicht. Mein Kind sieht nun aus wie ein kaputter Frosch und so will ich ihn nicht weiter anschauen.

Was ich erlebt habe, heißt Missed Abortion, verhaltene Fehlgeburt. Das Kind lebt nicht mehr, der Körper stößt es aber nicht aus.

Was ich erlebt habe, heißt Missed Abortion, verhaltene Fehlgeburt. Das Kind lebt nicht mehr, der Körper stößt es aber nicht aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte er es auch ohne medikamentöse Nachhilfe irgendwann getan, manche alternativen ÄrztInnen oder Hebammen raten sogar dazu, nicht einzugreifen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ich wollte aber keinesfalls länger als notwendig mit totem Kind im Bauch herumlaufen.

Früher (also bevor es die Möglichkeiten der modernen Medizin gab) endeten verhaltene Fehlgeburten auch mal tödlich oder die Frauen wurden unfruchtbar, weil der Körper den Fötus „absorbierte“, also in die Gebärmutter integrierte. Diese war dann „besetzt“, eine weitere Schwangerschaft unmöglich. Das ist der Grund, warum heute meistens eine Ausschabung gemacht wird. Sicherheitshalber.

Tot- oder fehlgeborene Kinder werden oft Sternenkinder genannt. Es hat jahrzehntelangen Aktivismus von betroffenen Eltern gebraucht, dass sie beerdigt werden dürfen, auch wenn sie die willkürliche Grenze von 500 Gramm noch nicht überschritten hatten.

Tot- oder fehlgeborene Kinder werden oft Sternenkinder genannt. Es hat jahrzehntelangen Aktivismus von betroffenen Eltern gebraucht, dass sie beerdigt werden dürfen, auch wenn sie die willkürliche Grenze von 500 Gramm noch nicht überschritten hatten. (Mehr dazu bei der Initiative Regenbogen). Mein Kind wog genau 100 Gramm. Vor 2006 wäre es Klinikmüll gewesen (in Bayern, Bestattungsrecht ist Landesrecht und unterscheidet sich daher je nach Bundesland). Seit Mitte 2013 dürfen Eltern ihre Sternenkinder sogar rückwirkend beim Standesamt melden, bekommen eine Geburtsurkunde und können die Kinder ins Familienbuch eintragen.

Inzwischen bin ich zu Hause. Wir haben unser Kind Jonathan genannt und beerdigt. Innerhalb von einer Woche ein Kind zu gebären und zu begraben ist jenseits all dessen, was ich mir je habe vorstellen können. Ich bin nicht mehr schwanger. Ich fühle mich leer. Und quäle mich mit Fragen, die mir nie jemand beantworten können wird. Habe ich zu viel Kaffee getrunken? Die Folsäure zu oft vergessen? Zu viel gearbeitet? Zu oft Ibuprofen genommen? Mich zu wenig gefreut?

Dass es keinen Grund für Schuldgefühle gibt, weiß ich. Doch davon gehen sie nicht weg.

(Dieser Text erschien auf: Kleinerdrei.org

Barbara ist Online-Journalistin und Mutter einer dreijährigen Tochter. Als stellvertretende Chefin vom Dienst kümmert sie sich bei SZ.de um alles Mögliche und leider viel zu selten um den derdiedasblog.
Foto: Daniel Hofer/SZ