Carola, 41, Erzieherin und Mutter von 5 Kindern

13 Wochen

Carola hat bereits vier gesunde Schwanger-schaften hinter sich, als sie einen Missed Abort in der 13. Woche hat. Ihre Geschichte handelt vor allem von der Zeit vor der Operation.

Die Morgensonne strahlt von einem knallblauen Himmel. In den Bäumen haben sich erste Blätter verfärbt und leuchten verheißungsvoll zwischen dem dunklen Spätsommergrün. Es duftet herrlich nach Laub und Erde. Der Herbst kommt. "Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!" sagt die Frau an der Kasse des Drogeriemarktes fröhlich. "Einen schönen Tag, genießen Sie ihn!" sagt die Frau am Postschalter lächelnd, als ich ein Päckchen abgebe, bevor ich zur Bushaltestelle gehen will.

"Der Tag ist und wird nicht schön! Ich trage mein totes Kind in meinem Bauch herum und fahre jetzt ins Krankenhaus, wo es entfernt wird!!!" Nein, das sage ich natürlich nicht. Ich denke es nur und merke mal wieder, wie irre paradox dieses Leben doch ist. Hier bleibt die Welt stehen und dort läuft das Leben einfach so weiter.

13 Wochen neues aufregendes Glück liegen hinter uns. 13 Wochen, erfüllt mit Bauchkribbeln, noch mehr Liebe und fast ungläubigem Staunen über dieses große Geschenk einer erneuten Schwangerschaft. Gleich beim allerersten Versuch hat es geklappt! Einen Tag nach meinem Geburtstag Anfang Juli habe ich schon eine Ahnung, die ein paar Tage später zur Gewissheit wird. Im nächsten März würde ich mein fünftes Kind zur Welt bringen. Heiß ersehnt und sehr erwünscht von uns allen.

Nach und nach erzählen wir die freudige Nachricht weiter. Es ist sehr bezeichnend, wer sich ehrlich mit uns mitfreut und wer als erstes skeptisch fragt: "War das geplant?" Ich finde gleich ein Team von zwei Hausgeburtshebammen. Was für ein Glück, es gibt sie noch! Die Vorsorgen mache ich bei ihnen, die Ultraschallkontrollen bei meiner Frauenärztin. Dort ist in der neunten Woche ein zappelnder Krümel mit einem schlagenden Herzen zu sehen.

Ich verkünde die Nachricht auf meiner Arbeitsstelle. Das fällt mir sehr schwer, weil ich meine neue Arbeit und besonders meine Kolleginnen sehr mag. Sie erleichtern mir sofort die Arbeit und sind sehr rücksichtsvoll. Wir fahren in den Sommerurlaub und genießen unsere Zeit dort sehr. Ich bin immer sehr müde und mache oft Mittagsschlaf.

In der 10. Woche bemerke ich ein minikleines Pochen, das mit der Zeit immer deutlicher wird. Ich freue mich über dieses sehr frühe Zeichen und bin glücklich.

In der ersten Arbeitswoche nach dem Urlaub werde ich von meinen Kolleginnen zum Amtsarzt geschickt, um meinen Status bezüglich Infektionskrankheiten gründlich zu checken. Wichtig für die Arbeit mit kleinen Kindern.

Anfang der 13. Schwangerschaftswoche habe ich bei meiner Frauenärztin den Termin zur ersten größeren Ultraschalluntersuchung. Ich frage, ob ich mit dem Handy einen Film vom Geschehen auf dem Ultaschallmonitor machen kann, um ihn später den Kindern zu zeigen. Ich darf. Ich klettere auf den Stuhl und werde hoch gefahren. Die Ärztin und ich plaudern locker. Das Handy habe ich noch nicht an. Irgendwie will ich noch kurz abwarten. Die Ärztin bringt das Ultraschallgerät in Position. Ich sehe es sofort.

Kein Herzchen puckert, keine Bewegungen sind zu sehen. Da ist kein Leben mehr. Die Ärztin ist ganz ruhig. Spricht aus, was ich selbst auch sehe. Probiert es nochmal. Schaltet den Doppler dazu, um den Blutfluss in diesem Gebiet zu messen. Nichts. Missed abortion. Verhaltende Fehlgeburt nennt sich das. Der Embryo ist irgendwann in der letzten Zeit abgestorben und ich habe es durch keinerlei Anzeichen gemerkt.

Die Untersuchung ist beendet. Ich kann nicht glauben, dass mir das gerade passiert. Die Ärztin geht nach nebenan an den Schreibtisch, ich ziehe mich an und komme dazu. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Wie regiert man in einer solchen Situation? "Das ist mir ja noch nie passiert." sage ich hilflos. Die Ärztin klärt mich einfühlsam über die nun folgenden Schritte auf. Ich höre zu. Nicke.

"Sie sind eine tapfere Frau." sagt meine Ärztin. Als sie die Box mit den Taschentüchern vor mich auf den Tisch stellt, nehme ich ein Tuch und erlaube mir ein paar Tränen. Ich bekomme eine Krankschreibung, eine Überweisung für das Krankenhaus und eine Telefonnummer. Als ich auf der Straße stehe, weine ich richtig. Ich schreibe dem Liebsten. Ich muss auf meiner Arbeit anrufen, weil ich nicht mehr zur Teamsitzung kommen kann. Ich stammle irgendetwas vor mich hin.

Ich will das alles nicht. Ich weiß, dass das täglich so vielen Frauen passiert. Die Quote ist 1:4. Jetzt bin ich eine von ihnen. Noch mehr Angst, vor dem, was jetzt passieren wird, habe ich vor den Reaktionen meines Umfeldes. Ich kann jetzt keine betroffenen Menschen ertragen. Ich muss erst abschließen und nach vorne schauen.

Ich radle nach Hause und sehe vor Tränen die Straße nicht. Reiß dich zusammen! Als ich zu Hause endlich die Wohnungstür von innen schließe, bricht es aus mir heraus. Die folgenden zwei Stunden weine ich durch. Ich informiere die mir wichtigsten Menschen und rufe dann im Krankenhaus an. Die zuständige Person ist nicht mehr im Haus, ich soll es am nächsten Tag versuchen.

Der Liebste hat die Kinder abgeholt und kommt nach Hause. Wir umarmen uns still und halten uns ganz fest, die Kinder verteilen sich in der Wohnung. Bei Keksen und Saft erklären wir ihnen später, was passiert ist. Sie sind natürlich traurig, aber freuen sich, als wir ihnen sagen, dass wir sehr glücklich und dankbar sind, schon so viele tolle Kinder zu haben.

In der kommenden Nacht schlafe ich sehr schlecht. Die Gedanken kreisen. Warum ist das passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? Immer wieder muss ich an das Bild des leblosen, 4 Zentimeter großen Menschleins auf dem Monitor denken. Nein, an das leblose kleine Menschlein in meinem Bauch.

Als ich am nächsten Morgen die Kinder weggebracht habe, rufe ich im Krankenhaus an. Ich soll kommen und mich beim Patientenservice anmelden. Kurz bevor ich losgehe, werde ich vom Amtsarzt angerufen. Meine Werte sind alle in Ordnung, herzlichen Glückwunsch und alles Gute weiterhin, ich kann bedenkenlos im Kindergarten weiterarbeiten.

Ich lege ein Notfallpaket mit Kleidung und Kosmetikartikeln zurecht, das der Liebste mir bringen kann, falls ich doch länger im Krankenhaus bleiben muss. Dann verlasse ich das Haus. Unterwegs kaufe ich eine Packung Binden, die werde ich wahrscheinlich später brauchen. "Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!" Atmen.

Um 9:30 Uhr habe ich mich im Krankenhaus angemeldet und warte im Empfangsbereich auf meine erste Untersuchung. Gegen 12 Uhr bin ich dran. Der Chefarzt der Gynäkologie untersucht mich erneut und kann die Diagnose leider nur bestätigen. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: ich könne abwarten und der Natur ihren Lauf lassen. Das kann aber bis zu vier Wochen dauern und ist bei der Menge des "Materials" nicht empfehlenswert. Oder ich bekomme unter Vollnarkose eine "Kürettage", ein eleganteres Wort für "Absaugung und Ausschabung".

Ich entscheide mich für letzteres, weil ich für meine Familie schnell wieder fit sein will. Der OP-Plan für diesen Tag ist ziemlich voll, der für den nächsten Tag auch, also könnte ich an dem darauffolgenden Tag wiederkommen. Noch zwei Nächte?! Ich möchte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen und sage das auch. So werde ich ans Ende des Plans geschrieben, Notfälle hätten allerdings Vorrang. Ich werde vom Anästhesisten aufgeklärt und ein EKG wird geschrieben. Dann soll ich mich auf der Station melden, die neben dem Kreißsaal liegt. Ich gehe vorbei an wartenden Schwangeren, frischgebackenen Vätern mit Autositzen und riesigen rosigen Babyfotos. Ich schaue nicht hin. Zwischendurch halte ich den Liebsten auf dem Laufenden, der die Kinder abholt.

Ich bekomme ein Bett und soll zwei Tabletten nehmen, die den Muttermund weich machen und sonst zur Geburtseinleitung gegeben werden. Bekleidet mit einem OP-Kittel sinke ich erschöpft aufs Kissen, decke mich zu und dämmere vor mich hin. Nach einer Weile bekomme ich leichte Krämpfe im Unterleib und hoffe, dass ich bald drankomme. Um 14 Uhr werde ich glücklicherweise schon abgeholt und mit dem Bett zum OP-Bereich gefahren. Dort werde ich für die Operation vorbereitet. "Sie sind doch noch jung!" Dann wirkt endlich die Narkose. Weinend schlafe ich ein und weinend wache ich wieder auf.

Nach zwei Stunden bin ich wieder in dem Zimmer der Station. Ich bin müde und hungrig. Nach einer Weile darf ich mit Hilfe aufstehen und bekomme eine warme Suppe. Nachdem der Anästhesist nach mir geschaut hat, besucht mich die operierende Ärztin und bespricht mit mir den Verlauf. Alles ist gut gegangen, aber sie ist sichtlich betroffen.

Am Abend bin ich endlich wieder zu Hause. Der Liebste kümmert sich rührend um mich. Ein großer Blumenstrauß von Familie Rotkraut empfängt mich. In der Nacht habe ich Bauchkrämpfe und schlafe schlecht. Von der Operation tun mir mein Hals und alle meine Gliedmaßen weh. Ich fühle mich ausgelaugt und sehr leer. Meine Schwangerschaft ist beendet. Ich bin jetzt quasi im Wochenbett.
Nur ohne Baby.

Bunt, gelassen, persönlich! Seit über 9 Jahren blogge ich in meinem Blog "Frische Brise". Ich zeige mein trubeliges Familienleben mit Mann und mittlerweile fünf Kindern. Wir lieben besonders das Meer und den Norden. Nach der Fehlgeburt bin ich sehr schnell wieder schwanger geworden und dufte unser fünftes Kind glücklich und gesund zu Hause zur Welt bringen.