Judith, 38, Texterin

Wenn Sie nicht bluten, müssen Sie ins Krankenhaus!

Judith hatte zuerst eine Fehlgeburt in der 10. Woche, und wenige Monate später eine Eileiterschwangerschaft. Gleichzeitig ist ihre Mitbewohnerin schwanger. Wie es Judith damit geht, schreibt sie hier.

Wenn Sie nicht bluten, müssen Sie ins Krankenhaus. Wenn Sie stark bluten, auch. Wann blute ich stark, frage ich. Wenn es Ihnen die Beine runterläuft, sagt die Ärztin. Okay, sage ich.

Ultraschall sieht aus wie eine Liveübertragung vom Mond, sagt V, wir sehen dabei zu, wie Gewebe in unterschiedlichen Graustufen am Schallkopf vorbeigeht, bis er an meiner Gebärmutter landet. Wir sehen die Fruchthöhle und dass sie weiter gewachsen ist. Und ich sehe einen kleinen, hellgrauen Haufen darin, der sehr ruhig in der Blase schwimmt. Die Ärztin sagt nichts. Dann sagt sie: Da ist keine Herzaktion mehr. Tut mir leid, sage ich verwirrt. Ich denke darüber nach, was ich fühle, während ich zwei Krepptücher bekomme, eines fürs Gesicht, eines für den blauen Ultraschallschmodder, der sicher eine ganz andere und sehr schlichte Bezeichnung hat. Kontaktgel, zum Beispiel. Ich wische das Kontaktgel ab und mein Gesicht, das nass ist, was mir aber erst auffällt, als ich es abwische.

Ich will nicht ins Krankenhaus, denke ich. Ich will keine „Ausschabung“, wie das schon klingt, ich will nicht, dass jemand mit einem stumpfen oder einem scharfen Löffel meine Gebärmutter ausschabt, die sich so viel Mühe gemacht hat in den letzten Wochen. Die gewachsen ist. Die eine Heimat war. Kann ich warten, frage ich. Später recherchiere ich, dass es einige Wochen dauern kann, bis der Körper von selbst den Uterus leert. Und dass ab der 8. Woche die Gefahr bestünde, dass Reste verbleiben. Ich war in der 10. Woche.

Sie sollten so oder so ins Krankenhaus gehen, sagt die Ärztin. Sie brauchen eine Antikörperimmunisierung. Ich vergesse zu fragen, warum, ich denke kurz, dass sie dazu doch Vs Blutgruppe kennen müsste, ich überlege, ob das Standardprozedere ist und bekomme einen kleinen Pass mit meiner Blutgruppe und eine Überweisung. A Rhesus negativ, Kell negativ. Ich falte darin das Bild des Häufchens ein, das ich mir habe geben lassen. Es ist trotzdem Wahnsinn, sage ich zu V. Wir haben ein Kind gezeugt, der Vorgang erscheint mir nach wie vor wie Magie, da kann ich noch so viel über die biologischen Details wissen.

Sie haben nichts falschgemacht, sagt die Ärztin. Das passiert in beinahe 30 % aller Fälle. Das weiß ich schon, denke ich, und: Ich habe sicher alles falschgemacht. Wenn es meine Schuld wäre, dann könnte ich wenigstens was beeinflussen. Dann wäre ich nicht so hilflos, nicht wie ein kleines Gerät, das ohne Steuerung laut surrend im Kreis fährt. Wir laufen aus der Praxis und umarmen uns mit feuchten Nasen und eng. Ich möchte Lebkuchen und Gurkensalat und ein iPad, denke ich. Stattdessen kaufe ich Klopapier und Taschentücher.

Es tut mir leid, Mama, schreibe ich. Es tut mir leid. Meine Brüste tun noch weh und mein Unterleib zieht, alles wie immer, nur übel ist mir zum ersten Mal seit Wochen nicht mehr.

Wir essen getoastete Brioche Croissants mit Käse, das haben wir auch nach dem positiven Test gemacht, völlig übermüdet, voller Euphorie. Lass uns trotzdem alles machen, was wir vorhatten, sage ich und V sagt: Das sowieso.

Das war im Oktober 2016, im Februar 2017 hatte Judith eine Eileiterschwangerschaft. Auch danach hat sie ihre Gedanken festgehalten.

Schon komisch, dass man hier im Viertel kaum Schwangere sieht, sagt G. Das liegt daran, dass die alle in Ottensen wohnen, sagt K. Ottensen ist die Hölle, denke ich.

Ich bekomme die Hose schon fast nicht mehr zu, sagt meine Mitbewohnerin. Ich auch nicht, sage ich, aber bei mir liegt es an den OP-Narben. Wir warten auf unsere hCG-Werte. Ihre sollen regelkonform steigen, meine zügig fallen. Ganz kurz waren wir gleichzeitig schwanger und wussten es nicht. Die Ärztinnen rufen an, es ist alles in Ordnung, sagen sie. Beim nächsten Termin sieht J. ihr Kind, es ist zwei Zentimeter groß, kräftiger Herzschlag, es bewegt sich ein bisschen, sie kommt mit einem Mutterpass nachhause und wir stehen in der Küche und umarmen uns und weinen.

Ich laufe durch Ottensen, hinter mir gehen zwei Frauen, eine klagt: Ich habe vier Kilo zugenommen. Vier! Ich bin in der 17. Woche und habe vier Kilo zugenommen! Jetzt schon! Ihre Begleiterin beschwichtigt sie, sie habe ja selbst ein paar Kilo zugenommen, das sei ganz normal. Die Siebzehnwöchige wiederholt laut, dass sie unglaublich fett sei und noch fetter werden würde und ich muss mich kurz zurückhalten, um mich nicht umzudrehen und zu sagen, dass ich jetzt eigentlich in der 32. Woche wäre, mit der ersten Schwangerschaft. Oder in der 15., mit der zweiten. Und dass ich mit Freude kugelrund werden würde, ausufernd und überbordend und riesig wäre ich gern, wenn ich nur meine Kinder zurückbekäme. Ich würde mich enthusiastisch übergeben, eine Präeklampsie überstehen, überall Wasser einlagern und dauernd Nasenbluten haben. Ich hätte rein gar nichts dagegen. Zum Glück fällt mir vor dem Umdrehen ein, dass die Probleme sich immer an die Umstände anpassen. Dass es unfair wäre, so etwas zu sagen. Und dass ich außerdem nicht weiß, was die Vorgeschichte der Frau in der 17. Woche ist.

Eine Frau mit Umstandsjacke und missmutigem Gesicht kommt mir und den beiden Schwangeren entgegen. Vielleicht ist ihr kotzübel gerade, denke ich. Direkt hinter der Missmutigen kommen zwei Frauen mit Neugeborenen in Tragetüchern. Ottensen ist die Hölle. Klar, mein Fokus ist gerade ein Hyperfokus, natürlich sehe ich überall Schwangere, aber ich möchte trotzdem wetten, dass in Ottensen (und wegen mir – überall Vorurteile – in Eppendorf und Eimsbüttel auch) ca. 7 Schwangere mehr pro 100 Quadratmeter wohnen als in allen anderen Hamburger Vierteln.

Ich komme nachhause und meine Mitbewohnerin liest in einem riesigen Buch, das „MEINE SCHWANGERSCHAFT“ heißt. Ich möchte Pause von dem Thema. Ich will auch einen Mutterpass. Ich habe keine Lust mehr auf diesen Hyperfokus, ich will Urlaub von meinem eigenen Gehirn, sie sind jetzt 37, sagt die Ärztin. Ich habe nur noch einen Eileiter, denke ich. Ich würde gern mal wieder einen Text schreiben über, sagen wir, das Autofahren auf Autobahnen, dass es ist wie ein Jump ’n’ Run-Spiel und dass ich nie gut war in Jump ’n’ Run-Spielen, weil ich mich dabei (und auf Autobahnen) gleichzeitig unter- und überfordert fühle und abseits davon nie den Gedanken loswerde, dass es irgendwie nicht richtig ist, als Mensch in einem kleinen Metallkasten 140 km/h schnell zu sein, während um einen her andere Menschen in anderen kleinen Metallkästen noch schneller fahren oder ein bisschen langsamer. Auf Schienen mag ich das, Schnellfahrstrecken, 330 km/h, die 61 Tunnel zwischen Würzburg und Hannover oder umgekehrt, auf Autobahnen stehe ich lieber im Stau.

Am liebsten lag ich im Stau auf Autobahnen auf dem Rücksitz. Wir fuhren durch Frankreich, oder besser: Wir standen in Frankreich herum, ein paar Leute fingen an, zwischen den Autos spazieren zu gehen und sich mit anderen Staustehern zu unterhalten, ich hörte währenddessen immer wieder dieselben Kassetten von vorn, ALF, Genesis, Lucio Dalla, ich war 13, die Autobahnen in Frankreich waren beeindruckend und dreispurig, Schwangere waren mir egal. So einen Text würde ich gern schreiben, aber so lange ich die Schwangerschaften nicht verarbeitet habe, oder eher: ihren Verlust, lässt mein Gehirn mich dasselbe Thema immer wieder auf neue Weise durcharbeiten. Auf der Straße, in der Wohnung, bei der Ärztin, in zahllosen Gesprächen, Bildern, Texten, es tut mir leid, da müsst ihr jetzt durch, da muss ich durch. Zwischendurch kann ich alles von außen sehen, manchmal sogar vom Weltall aus, den Planeten und wie er blau durch die Dunkelheit fährt, die Menschen darauf, ihre Schicksale, mich irgendwo dazwischen und den Zufall, dem wir alle ausgeliefert sind. Die Natur sieht keine Gerechtigkeit vor, Gerechtigkeit ist ihr völlig wurscht, den Gerechtigkeitsgedanken haben Menschen in Umlauf gebracht. Ich kann also nicht mal jemandem böse sein, obwohl sich gerade alles immer wieder sehr ungerecht anfühlt.

Wahrscheinlich werde ich eine bessere Therapeutin dadurch, denke ich. Das denke ich immer, wenn ich eine Erfahrung mache. Jede Erfahrung führt dazu, dass ich andere Menschen ein bisschen mehr verstehen kann. Hoffentlich. Und immerhin weiß ich jetzt ungefähr, wie Trauernde funktionieren, oder zumindest, wie ich als Trauernde funktioniere. Trauer braucht, stelle ich fest, Platz, sie muss hervorkommen dürfen, immer wieder. Bis sie irgendwann lang genug da war und sich etwas zögerlich verabschiedet, losgeht, um nur noch ab und zu (jedenfalls stelle ich mir das so vor) zu Besuch zu kommen. Wenn sie nicht anwesend sein darf, sitzt sie stattdessen lange in einem Wartezimmer. Und kommt irgendwann schreiend und polternd und alles niederbrennend daraus hervor. Vielleicht würde sie sogar 20 Jahre im Wartezimmer aushalten. Oder bis ganz zum Schluss. Aber irgendwann kommt sie bestimmt. Irgendwann geht sie bestimmt. Sie hat ja auch noch anderes zu tun. Und ich auch.

Judith Sombray ist Grafikerin, Texterin und fast fertig ausgebildete Kunsttherapeutin. Sie hat zweimal den Hamburger Förderpreis für Literatur gewonnen und einen Lyrikband veröffentlicht. Mag die ständige Veränderung des Himmels, Auwälder und Musik.