Friederike (32)Kinderkrankenschwester

Die Geschichte meiner Fehlgeburten

Friederike hatte drei Fehlgeburten, bevor sie zwei Kinder bekam. Sie wünscht sich danach mit ihrem Mann ein weiteres Kind, hatte aber in der 11. SSW leider wieder einen Abort. In ihrem Bericht geht es auch am Rande über die Herausforderungen von Mutterwerden und Muttersein.

Es ist ein guter Zeitpunkt über unsere vier Fehlgeburten zu schreiben. Ich bin voller Trauer.

Ich bin Friederike, 32 Jahre alt. Ich hatte sechs Schwangerschaften und habe zwei Kinder. Die erste Schwangerschaft habe ich in der 12. Woche verloren, Missed Abort – begann mit leichten Bauchschmerzen und leichten Blutungen, mit denen ich abends noch ins Krankenhaus gefahren bin. Dort der Schock, das Baby lebt nicht mehr und ist viel zu klein. Lebte wohl schon länger nicht mehr. Am nächsten Tag hatte ich sowieso die Kontrolluntersuchung bei meiner Frauenärztin, die nur bestätigen konnte, was wir schon erfahren hatten. Sie beriet mich und gab mir eine Krankenhaus-Überweisung. Ich hatte den Termin zur Ausschabung für den übernächsten Tag. Doch noch an diesem Abend bekam ich sehr, sehr starke Blutungen. Ich war auf dem Klo, und weinte laut „Mein Baby!“. Mein Kreislauf machte das nicht mit, ich brach zusammen und mein Mann fuhr mich ins Krankenhaus. Am nächsten Tag wurde noch eine Ausschabung gemacht. Sache erledigt. Das Kind war weg. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten erlebte ich eine schlimme Zeit. Zu lernen, meinen eigenen Verlust zu verstehen und Trauer zuzulassen war die größte Aufgabe für mich. Darüber könnte ich viel schreiben. Leider kamen in dieser Zeit weitere Schicksalsschläge in mein Leben. Es wurde Zuviel und ich durchlebte die schlimmste Lebenskrise.

Aber ich überlebte sie. Im folgenden Jahr wurde ich völlig überraschend aus einer Zeit der Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung) heraus schwanger. Das war so unwahrscheinlich, dass es wie ein Wunder wirkte. Die Schwangerschaft hielt nicht lang, ich hatte ca. in der 9. SSW eine spontane Fehlgeburt. Diesmal konnte ich den kleinen Embryo auffangen – ein kleiner werdender Mensch war zu erkennen. Es war für uns sehr, sehr hilfreich unser Kind sehen zu können. Wir konnten begreifen, was passiert ist und wir legten ihn in eine kleine Schachtel und begruben ihn im Garten meiner Eltern. Wir waren sehr traurig. Gleichzeitig hatte das wundersame Entstehen der Schwangerschaft etwas Heilsames, Hoffnung Gebendes und dann leider auch wieder Enttäuschendes.

Ein paar Monate später war ich wieder schwanger. Kurz. Ich glaube, es war in der 7. SSW, als ich Blutungen bekam. Diese Fehlgeburt ging etwas unter, ich startete gerade in eine neue Arbeit und in ein Studium. Mein Mann war im Arbeitsfluss. Unser Leben lief wenigstens wieder. Das war gut. Wir machten einige Wochen später einen Urlaub, in dem wir uns nochmal bewusst Zeit nahmen, um an das dritte Baby, das wir verloren haben, zu denken. Dort fanden wir eine große, schöne, leere Muschel am Strand. Das war ein gutes Symbol für unser drittes Baby, das so unsichtbar war.

In der ganzen Zeit war mein größter Wunsch Mama sein zu dürfen. Mein Mann und ich hatten soviel Platz in unserem Leben für Kinder. Dieser Platz war so schmerzhaft leer. Wir begannen mit der Angst, nie Kinder haben zu dürfen, umzugehen und entschieden uns, dass dieser Platz nicht leer bleiben soll. Dann wollten wir Eltern für Kinder sein, die dringend Eltern brauchten, und machten eine Pflegeelternschulung. Es war gut, auf dem Weg zu sein. Wir lernten viel und erfuhren Wertschätzung von den Frauen vom Pflegekinderdienst.
Nach Abschluss der Schulung und noch bevor es tatsächlich konkret wurde, wurde ich während eines längeren Urlaubs wieder schwanger. Diesmal blieb die Schwangerschaft und unser Sohn wuchs in mir heran. Ich nahm in den ersten 12 Wochen Progesteron, ansonsten war es medizinisch gesehen eine normal verlaufende Schwangerschaft. Irgendwann legte sich die Angst und Vertrauen wuchs. Aber weg war die Angst nie. Während der Geburt rechnete ich fest damit, ein totes Baby zu bekommen. Die Erwartung war für mich realistischer als, dass ich tatsächlich ein Kind haben würde. Ich hatte einfach zu viele Erfahrungen gemacht: als Kinderkrankenschwester im Kinderhospiz, als Mama meiner Fehlgeburten und als Freundin von Mamas mit stillen Geburten.

Doch mein Sohn kam gesund und lebendig auf die Welt (nach einer wirklich schweren Geburt, die Angst hat mich sehr gehemmt) und schrie erstmal lange und laut auf meiner Brust. Das war der glücklichste Moment in meinem Leben. Ich war Mama. Von einem Kind. Danke, Gott!

Ich war erfüllt von Dankbarkeit, die mich durch die Zeit trug, in der ich erlebte, wie sehr eine Geburt und das Sorgen für ein Neugeborenes zehrt. Mutterschaft ist in meinen Augen das Schönste und das Schmerzhafteste im Leben einer Frau.

Als unser Sohn ca. ein Jahr alt war, wünschten wir uns noch ein Kind. Wir wollten eine größere Familie sein. Nach ein paar Monaten Wartezeit wurde ich wieder schwanger und erlebte eine schöne, unkomplizierte Schwangerschaft mit meiner Tochter. Die Schwangerschaft endete mit einer unkomplizierten Hausgeburt und unsere wunderbare, zufriedene Tochter war geboren.

Doch auch wenn alles wie im Bilderbuch verlief, brachte mich bereits das Ende der Schwangerschaft, sowie die Geburt, aber vor allem die ersten Monate mit zwei kleinen Kindern emotional an meine Grenzen und darüber hinaus. Auch darüber könnte ich viel schreiben. Trotz aller Herausforderungen lieben wir es Familie sein zu dürfen und sind zutiefst dankbar dafür. Wir lieben unsere Kinder und genießen das Leben mit ihnen.

Als unsere beiden Kinder 3 ½ und 1 ½ Jahre alt waren, wurde ich wieder schwanger. Diese Schwangerschaft entstand nicht aus einem dringenden Kinderwunsch, oder einer großen Sehnsucht nach einem dritten Kind, auch nicht aus Vernunft. Sondern aus purem Vertrauen. Vertrauen darauf, dass, wenn wir noch ein Kind bekommen, wir das schon schaffen werden. Wir glauben fest an Gott und vertrauen, dass Gott uns in allen Lebenslagen führt und versorgt. Als die Schwangerschaft begann, waren mein Mann und ich sehr mit unseren Ängsten und unserer Erfahrung von Überforderung konfrontiert. Ich hatte große Angst vor der Geburt und der Zeit danach, und gleichzeitig empfand ich schon tiefe Vorfreude auf das Gefühl der innigen Verbundenheit mit dem neugeborenen Kind, das Tragen, das Stillen. Die Beziehung zu dem Mini-Baby im Bauch wuchs. Es war da und gehörte dazu.

Mein Bauch wuchs schon langsam. Manche Menschen ahnten schon, dass da ein Baby wächst. Für viele war das Baby aber unsichtbar und blieb es. Wenigen Familienangehörigen und Freunden, die uns besuchten, erzählten wir die Neuigkeit. Dass sie sich mit uns freuten, war so schön, da unsere Freude noch sehr verhalten war und die Gefühle eher ambivalent. Ich machte die erste Vorsorge bei meiner Hebamme. Auf einen Frauenarztbesuch verzichtete ich, denn ich sehe für mich keinen Mehrwert mehr in einer frühen Ultraschall-Untersuchung. Mein Baby war da, das spürte und wusste ich genau.

Ich spürte auch, als sich was änderte. Ich hatte plötzlich das sichere Gefühl, dass die Schwangerschaft nicht bleiben wird. Ich war sehr traurig. Ich weihte meinen Mann in meine Gedanken ein und er glaubte mir sofort. Er hat schon oft erfahren, dass ich genau weiß, was in meinem Körper vor sich geht. Da wir gerade im Urlaub waren, kaufte ich sicherheitshalber schonmal große Einlagen für die Blutungen, sowie Schmerztabletten. Eine Woche später (in der 11. SSW), nachdem wir noch ein paar sorgenfreie Tage genossen hatten, gingen morgens leichte Bauchschmerzen und leichte Blutungen los. Ich wusste, wie es nun weitergehen würde. Wir konnten noch unseren Tagesausflug machen und genießen. Nachmittags als wir zurück in der Ferienwohnung waren, wurden die Blutungen stärker. Es war viel, sehr viel Blut. Und Wehen. Doch zu meinem Erstaunen waren die kaum schmerzhaft. Das kannte ich so nicht. Ich konnte alles geschehen lassen, war ganz bei mir und sorgte gut für mich. Es war sehr friedvoll so mit meiner Familie zusammen sein zu können und mich um nichts, als um mich und diese kleine Geburt zu kümmern. Ich war dankbar dafür, dass ich bereits so viele Erfahrungen hatte und keine ärztliche Hilfe brauchte.

Die Blutungen hielten über eine Woche an. Ich hatte nach ein paar Tagen meine Hebamme angerufen und sie informiert. Sie beriet mich am Telefon und kam vorbei, um meinen HCG-Wert zu kontrollieren. Fast zwei Wochen nachdem die Fehlgeburt losging, hatte ich nochmal Unterleibsschmerzen und gebar ein großes Stück Schwangerschaftsgewebe. Das war ein Schock, ich hatte damit nicht gerechnet. Vermutlich waren dies die körperlichen Überreste des Embryos, die sich abgekapselt hatten.

In der Zeit nach der Fehlgeburt hat mir besonders geholfen, dass wir unseren Familien und Freunden eine kleine Anzeige geschickt haben, in der wir von der Schwangerschaft und dem Verlust berichteten. Die Rückmeldungen waren so lieb und wohltuend wie Umarmungen. Vom Mitgefühl und den Gebeten von Freunden fühlte ich mich wie getragen. Mir ging es insgesamt viel besser als nach den ersten drei Fehlgeburten, wohl aufgrund der Tatsache, dass ich zwei fröhliche Kinder um mich herum habe, und weil ich gelernt habe (manchmal) über das Baby zu sprechen, meinen Bedürfnissen zu folgen und für mich zu sorgen.

Unser Mini-Baby fehlt mir im Moment sehr. Ich wäre jetzt in der 25.SSW und mit Sicherheit ziemlich rund. Stattdessen ist mein Bauch so dünn, zu dünn. Ich spüre manchmal sehr, dass mir etwas in der Mitte fehlt. Ich spüre meinen Bauch als Sollbruchstelle. Gerade fühle ich mich nicht zerbrochen, aber sehr verletzt und vernarbt. Gleichzeitig bin ich manchmal so froh darüber, dass ich gerade nicht meinen runden Schwangerschaftsbauch durch die Gegend schleppen muss, dass mein geschwächter Beckenboden nicht noch ein Baby tragen muss, dass ich Kraft habe meine Zweijährige und meinen Vierjährigen auf den Arm zu nehmen und durch die halbe Stadt zu tragen, wenn es sein muss.

Wir hatten auf dem Friedhof einige Monate zuvor einen Gedenkstein für Sternenkinder errichten lassen und ich möchte mich gern gemeinsam mit meinem Mann (der Pastor unserer Gemeinde ist) in der Begleitung von betroffenen Eltern engagieren. Nun ist der Stein für mich persönlich gerade ein Ort geworden, der mir gut tut. Ich zünde dort manchmal eine Kerze an und stelle Blumen auf.

Traurig bin ich um das verlorene Vertrauen. Heilsam finde ich, dass durch den Verlust dieses Kindes und unseren offenen Umgang damit, auch der Verlust der ersten drei nochmal mehr Platz findet in unserem Leben. Diese gesamte Reise der Elternschaft ist herausfordernd, spannend, manchmal wunderschön und manchmal tieftraurig.

„Schön, dass du da warst kleines Mini-Baby!“

Das Ende vom Anfang – Friederike
Friederike (32)Kinderkrankenschwester

Ich bin Friederike, 32 Jahre alt, Mama von zwei Kindern (2 und 4 Jahre) und Mama von vier Fehlgeburten. Ich bin Gesundheits- und Kinderkrankenschwester im Moment in Erziehungszeit, außerdem bin ich zert. Stressmanagementtrainerin und in einer Weiterbildung zur Seelsorgerin.

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Warum nur ich?

Am 11.11.2020 veröffentlicht.
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Kein Kind, aber Galgenhumor

Am 02.01.2021 veröffentlicht.