Von Wunden zu Wundern
Kurz vor ihrer kirchlichen Hochzeit entdeckt Judith, dass sie schwanger ist – und erlebt wenige Wochen später eine Fehlgeburt, die sie zuhause in einer stillen Geburt durchsteht. Sie schreibt darüber, wie sie und ihr Mann den Verlust ihres Babys verarbeiten: mit Ritualen, mit dem Mut, dem Kind einen Namen zu geben, und mit dem Vertrauen, dass aus Wunden Wunder werden können.
„Wie kann man nur so glücklich sein?", fragte ich eines Abends meinen Mann. In wenigen Wochen würden wir kirchlich heiraten – endlich – mussten wir doch vor zwei Jahren unsere geplante Hochzeit aufgrund einer langen Krankheitszeit absagen. Und jetzt hielt ich auch noch einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Wir wünschten uns schon lange Eltern zu werden, aber gerade in diesem Monat vor der Hochzeit hatte ich am wenigsten damit gerechnet und die Freude über dieses Wunder war unbeschreiblich groß. Plötzlich sah ich den Hochzeitsvorbereitungen mit einer bei mir eher ungewöhnlichen Gelassenheit entgegen und ging sofort in meiner Mama-Rolle auf.
Ich redete viel mit dem Baby, habe begonnen eine Erdbeermütze zu stricken, wie ich sie seit vielen Jahren an die Babys meiner Freundinnen verschenkte und kaufte hübsche Stoffe. Mein Mann war ebenso voller Vorfreude, segnete jeden Abend das Baby in meinem Bauch und sagte uns mehrmals täglich, wie sehr er uns beide liebt. Als im Ostergottesdienst der Lobgesang der Hanna, die nach vielen Jahren der Kinderlosigkeit endlich schwanger war, als Predigttext vorkam, konnten wir unser Geheimnis kaum noch für uns behalten und weihten eine Woche später unsere Eltern und engsten Freunde ein.
Deren Freude war ebenso groß und für mich gab es gleich noch ein Wunder – drei von meinen Freundinnen waren ebenfalls schwanger. Wie oft hatte ich schon gedacht, wenn ich mal schwanger bin, sind die Kinder meiner Freundinnen schon alle groß und mein Kind hat keine Spielpartner in unserem Freundeskreis – und jetzt so eine Überraschung. Sie versorgten mich mit allerlei Tipps bei Schwangerschaftsbeschwerden und wir malten uns bereits aus, wie wir uns mit unseren Kindern treffen werden. Ich freute mich über die morgendliche Übelkeit genauso wie über die ständige Müdigkeit – dass ich mitten am Tag einschlief, kannte ich so gar nicht von mir.
Dann stand die letzte Woche vor der Hochzeit an. Irgendwie war mir nicht mehr so übel, aber ich schob es auf den Stress und war froh, bei den Vorbereitungen mithelfen zu können. Wir schafften es sogar noch, unser Auto mit dem goldenen Schriftzug „von Wunden zu Wundern" zu verzieren und diverse Rostspuren zu vergolden. Die Idee kam von meinem Mann, denn diese Zeile aus einem Liedtext der O'Bros passte so gut zu unserem Leben und begleitete uns schon länger.
Drei Tage vor der Hochzeit war der erste Ultraschall und wir waren ganz bewegt, das schlagende Herz zu sehen. Ein bisschen klein sei das Baby, noch keine Himbeere, eher noch eine Heidelbeere, aber das sei völlig normal. Am Tag der Hochzeit waren wir ganz aufgeregt und voller Vorfreude. Auch die Aufregung um meinen Brautstrauß (die ältere Frau aus unserer Gemeinde sprang am Morgen von ihrem Angebot ab), meisterte mein Mann souverän und organisierte zwei Stunden vor Beginn des Gottesdienstes einen wunderschönen Strauß für mich. Als wir zur Kirche aufbrechen wollten, ging ich zur Sicherheit nochmal schnell aufs Klo – und da sah ich zu meinem Erschrecken eine Blutspur. Wir waren beide sehr geschockt, schoben es erstmal auf die Aufregung und fuhren zum Gottesdienst. Ich schaffte es, mich voll auf die Trauzeremonie und den wunderschön gestalteten Gottesdienst einzulassen und schickte hin und wieder ein Stoßgebet zu Gott. Mittlerweile hatte ich auch leichte Krämpfe.
Nach dem Kaffeetrinken sprach ich meine Freundin und meine Mutter wegen meiner Sorge um unser Baby an. Beide gaben mir den Rat, das Fest trotzdem zu genießen und ich bin dankbar, dass ich mich tatsächlich darauf einlassen und die Feier genießen konnte. Am nächsten Tag ging es mir tatsächlich besser, wir räumten fast den ganzen Tag auf und packten voll Freude die ersten Geschenke aus. Wir fühlten uns wirklich überreich beschenkt. Die Unsicherheit war aber spürbar.
Wir warteten noch den Sonntag ab, an dem ich jedoch wieder Beschwerden hatte und suchten Montag früh die Frauenarztpraxis auf. Während des Ultraschalls wurde der Frauenarzt immer stiller. Er fand kein Baby. Er bat mich, mich wieder anzuziehen und sprach sehr liebevoll mit uns über mögliche Gründe dafür. Weil wir einige Tage an die Ostsee verreisen wollten, bereitete er uns einfühlsam auf eine mögliche Fehlgeburt vor. Das war ein ganz schöner Schock und als wir draußen waren, und unser Blick auf den Schriftzug unseres Autos fiel, weinten wir beide sehr. Wir baten unsere Familie und Freunde um Gebet und packten unsere Sachen für den Urlaub ein und weiter Geschenke aus. Unsere Gefühle reichten von Trauer, Hoffnung, Freude, Ungewissheit, Schmerz…
Am Morgen vor unserer Abreise musste ich nochmal zum Blutabnehmen. Ich bekam von der Frauenärztin noch einige liebevolle Hinweise, eine Notfallkontaktnummer und sollte am Abend wegen der Blutwerte anrufen. Diesem Telefonat sahen wir mit Spannung entgegen und hatten dann abends die Klarheit, dass wir in den nächsten Tagen unser Baby verabschieden werden müssen. Das war so schwer. Andererseits waren wir auch dankbar für die Auszeit inmitten der Natur, dem Meer ohne andere Menschen und Verpflichtungen. Ich hatte immer mal wieder Krämpfe und Blutungen und war sehr müde, trotzdem verbrachten wir viel Zeit draußen. Mein Mann griff die Idee der Frauenärztin auf und faltete ein kleines Schiff, das wir symbolisch zum Abschiednehmen schwimmen lassen wollten.
Unser Baby wartete jedoch, bis wir nach fünf Tagen wieder zu Hause waren. Die Blutungen wurden stärker und die Krämpfe schmerzhafter. Ich zündete Kerzen an und ließ leise Lobpreismusik im Hintergrund laufen, während ich zwischen Klo und Sofa hin und her wechselte. Irgendwann weckte ich meinen Mann und wir erlebten die letzte Phase der kleinen Geburt gemeinsam. Seine Gegenwart und Ermutigung taten mir so gut. Danach war mir sehr schwindlig und mein Mann versorgte mich mit Cola. Da er am nächsten Tag arbeiten musste, ging er nach einiger Zeit wieder schlafen und ich versuchte zu realisieren, was da gerade passiert war. Irgendwie lief alles so friedlich ab.
Auch wenn ich vorher Sorge hatte, wie die kleine Geburt verlaufen wird, bin ich so dankbar, dies in aller Stille und zu Hause erlebt haben zu dürfen.
Einen Tag später war ich zur Kontrolle bei meiner Frauenärztin, die bestätigte, dass mein Körper das sehr gut gemacht hatte und mir Mut machte, mir Zeit und Raum für den Abschied zu nehmen und auch meinem Körper Ruhe und Erholung zu geben. Die Zeit nahm ich mir dann auch. Sehr hilfreich fand ich, den Abschied durch Rituale bewusst zu begehen. So ließen wir das kleine Boot nach einem Spaziergang in einem kleinen Bach ziehen. Zuerst wollte es nicht so recht schwimmen und blieb immer wieder hängen. Dann plötzlich fuhr es mit einem gewaltigen Schwung los, wir blickten hinterher und gingen dann in die entgegengesetzte Richtung nach Hause.
Außerdem pflanzten wir einen Heidelbeerstrauß als Erinnerung an unser „Heidelbeerchen". Beides war sehr emotional und es flossen viele Tränen. Mir half es sehr, mit engen Freunden und Familie über unser kleines Baby zu sprechen. Auf unserer Hochzeitsdankeskarte hatte diese Nachricht deshalb auch einen Platz und wir bekamen viele liebevolle Worte und Umarmungen.
Besonders bewegt haben mich die Geschenke meiner Freundin. Sie organisierte für mich einen Teelichtständer aus Holz, der im Krankenhaus die neugeborenen Kinder erhalten und gravierte die Daten unseres Babys ein. Außerdem legte sie einen bemalten Stein neben unseren Heidelbeerstrauch. Sie hatte das Bild im Kopf, dass unser kleines Baby glücklich und geborgen mit Gottes Hand spielt. Diese Zuversicht, dass wir unser Baby eines Tages im Himmel kennenlernen dürfen und es dort jetzt bereits bei unseren Großeltern und verstorbenen Geschwistern auf dem Schoß sitzt, tröstet, auch wenn der Schmerz da ist.
Eine Seelsorgerin machte uns Mut, unserem Baby einen Namen zu geben. Dieser war für uns schnell klar und hat in mir vieles zum Heilen gebracht. Jetzt können wir ganz anders von unserem Baby sprechen und uns erinnern, dass es Teil unserer Familie ist. Die wenigen Erinnerungsstücke habe ich in eine kleine Kiste gepackt und betrachte sie von Zeit zu Zeit.
Mittlerweile sind sieben Monate vergangen und gerade jetzt in der Zeit um den errechneten Geburtstermin herum, sind meine Gedanken oft schwer. Es fällt mir nicht leicht, meine Freundinnen zu sehen, die mittlerweile ihre Babys geboren haben. Jeden Monat hoffen wir auf eine erneute Schwangerschaft, bisher blieb sie aber aus. Aber wir wollen weiter darauf vertrauen, dass aus unseren Wunden Wunder werden.
Ich bin glücklich verheiratet und liebe das Meer und Sonnenuntergänge.