"Missed."
Hannah hat zwei große Töchter, doch der Wunsch nach einem 3. Kind lässt sie nie los. Und dann passiert es: Sie wird von einem neuen Partner schwanger. Er drängt zum Abbruch, doch Hannah stellt sich der Schwangerschaft alleine. Jedoch endet diese leider in der 12. SSW in einem Missed Abort. Für Hannah ist diese Erfahrung lebensverändernd.
Mit 19 wurde ich das erste Mal Mutter und habe heute zwei wunderbare Kinder im Alter von 19 und 17 Jahren. Der Wunsch nach einem dritten Kind war immer groß und kurz vor dem Ende meiner Beziehung, war ich, mit damals 24 Jahren, erneut schwanger, habe mich aber schweren Herzens, zu einem Schwangerschaftsabbruch entschieden. Ich habe diese Entscheidung nie bereut, auch wenn ich bis heute immer wieder mit der damaligen Situation zu kämpfen habe und nur wenige Menschen davon wissen.
Nach dem Ende meiner Beziehung habe ich meine Kinder komplett allein großgezogen, mich beruflich neu orientiert und vieles nachgeholt, ein Studium begonnen und eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Vollzeitjob und Vollzeit Mama, immer in Balance und am Limit - der richtige Mann war in dieser Zeit nicht für mich dabei und hätte vermutlich auch keinen Raum in diesem durchorganisierten Leben gehabt, in dem meine Bedürfnisse selbst kaum Platz hatten.
Die Sehnsucht nach einem weiteren Kind war nie gestillt, oft habe ich von einer Schwangerschaft und Geburt geträumt. Diese Träume und auch die Sehnsucht als erwachsene, im Leben und Beruf stehende Frau, nochmal ein Kind zu bekommen, war groß und präsent. Aber mit zunehmendem Alter und fehlender Beziehung, war für mich klar, nicht nochmal von vorne anfangen zu wollen, nachdem ich gerade „fertig" war.
Wieder alles auf null, alle Ängste und Sorgen, schlaflose Nächte, Kindergarten und Schule, Teenager-Zeit. Das erschien mir nahezu verrückt und zu weit weg. Also habe ich dabei zugeschaut, wie meine Freundinnen ihr erstes Kind bekamen und währenddessen meinen Traum begraben.
Vor einem halben Jahr habe ich durch den Wechsel zu meiner alten Firma, meine alte Liebe wiedergetroffen. Sofort war das Gefühl zwischen uns, die Nähe und das Vertrauen, wieder da. So sehr wir es rückblickend beide drauf ankommen lassen haben, so wenig haben wir damit gerechnet, dass wirklich etwas passieren könnte, da die Wahrscheinlichkeit aufgrund verschiedener Faktoren sehr gering war. Erste Anzeichen hatte ich bereits in meinem Sommerurlaub knapp drei Monate später und am Tag meiner Rückkehr hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand.
Ich habe bereits in der fünften Woche von meiner Schwangerschaft erfahren, der Vater des Kindes hat mir ab diesem Tag sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass er in diesem Leben kein Vater sein möchte und bis zuletzt versucht mich u. a. durch Abwertung unserer (sehr guten) Lebensumstände, unseres Alters und unserer Beziehung zueinander zu einem Schwangerschaftsabbruch zu überreden, und mir in Aussicht gestellt, dass ich wieder eine alleinerziehende Mutter sein werde, die weder in der Schwangerschaft, noch nach der Geburt jegliche, emotionale Unterstützung von ihm erhalten werde.
Schlagartig wurde aus einer sehr innigen und schönen Romanze meine persönliche Hölle. Ungeplant schwanger und mit zig Zweifeln, Ängsten und Sorgen im Kopf, war ich aber ziemlich schnell sicher und entschlossen, das Kind zu bekommen, auch wenn ich lange nicht geschafft habe, das laut auszusprechen und wirklich dazu zu stehen, geschweige denn, mich darüber zu freuen.
Wir haben es mit mehreren Gesprächen und psychologischer Beratung probiert, die aber im Endeffekt dem Zweck dienten, mich „zur Vernunft" zu bringen, seinem Wunsch zu entsprechen und einen „Kompromiss" zu finden, den es in diesem Fall natürlich nicht geben kann. Die volle Verantwortung zu übernehmen und für mich in dieser sehr herausfordernden Situation da zu sein, mir das volle Recht zuzusprechen, dieses Kind aus vollem Herzen bekommen zu dürfen und im vollen Umfang für meinen Körper und das Leben in mir zu entscheiden – das war keine Option für ihn. Für ihn war die logische Konsequenz: Wenn ich einen Abbruch mache, bleibt er. Wenn ich mich für das Kind entscheide, entzieht er mir alles, was zwischen uns ist und übernimmt lediglich den Pflichtanteil der Vaterschaft.
In der achten Schwangerschaftswoche hatte ich meinen lang ersehnten Ultraschall und habe das erste Mal das Herz schlagen hören, das war rückblickend der Moment, in dem ich mich wirklich freuen konnte und final entschieden habe, das Kind zu bekommen.
Die Freude meiner Kinder sowie meiner Familie und Freunde und die vielen wertvollen Gespräche, haben mich zusätzlich bestärkt. Auch wenn es bedeutet hätte, den ganzen Weg nochmal allein zu gehen.
Ich fing an, mich auf die große Veränderung meines Lebens und Körpers einzustellen, mich mit den finanziellen Aspekten, der Betreuung nach der Elternzeit, Umstandskleidung und Babysachen zu beschäftigen. Die Entscheidung fühlte sich gut und richtig an, meine Brüste wuchsen rasant und mein Bauch wurde langsam größer, ich konnte mich wirklich einlassen, fühlte mich glücklich schwanger und fieberte dem nächsten Termin beim Frauenarzt entgegen, bei dem ich das erste Mal ein richtiges kleines Baby sehen würde. Dass ich deutlich weniger Symptome und Beschwerden hatte als bei meinen ersten Schwangerschaften, bereitete mir immer wieder Sorgen, schob es jedoch auf die Ängstlichkeit meines zunehmenden Alters.
Mein Arbeitstag fühlte sich an diesem Tag ewig an, beim Frauenarzt musste ich länger als gewöhnlich warten, meine Familie und Freunde warteten auf meinen Bericht und das neuste Ultraschallbild. Im Wartezimmer hörte ich in Endlosschleife eins meiner Lieblingslieder „After the Storm" von meiner Lieblingsband Mumford & Sons. Rückblickend fühlt es sich manchmal wie eine Vorahnung des Sturms an, der anschließend über mein Leben hereinbrach.
Mein Arzt ermahnte mich noch, nicht zu viel zu lesen und mir Sorgen zu machen und setzte dabei zum ersten Bauchultraschall an. Ab hier wird es dunkel, all meine schlimmsten Ängste und Sorgen der letzten Monate wurden wahr: Das Herz hatte in der 8. SSW aufgehört zu schlagen. Die Fruchthöhle war viermal so groß, die Plazenta war gewachsen, alles war unverändert, mein Bauch deutlich erkennbar. Nur das kleine Würmchen hatte aufgehört zu leben. Diagnose „Missed Abortion" am Ende der 12. SSW. Im ersten Moment habe ich es für einen Scherz gehalten, da ich nie zuvor von dieser Diagnose gehört hatte. Eine Fehlgeburt?
Natürlich.
Aber ein seit Wochen lebloser Embryo in meinem Körper, das wusste ich nicht und war nach der Aussage meines Arztes „Solange Sie keine Blutung haben, wird vermutlich alles ok sein" mehr als schockiert und bin direkt in den Überlebensmodus gewechselt.
Die nachfolgenden Stunden und Tage sind wie ein dunkler Traum. Ich hatte mich direkt für einen operativen Eingriff entschieden, die Vorstellung dieses tote Würmchen weiter in mir zu tragen, war für mich nicht aushaltbar, auch die Nacht vor dem Eingriff war die Hölle ohne Schlaf, in der ich meinen Bauch gestreichelt, mich verabschiedet und nur geweint habe.
Am nächsten Tag war ich 14 Stunden im Krankenhaus, meine Freundin hat mich auf diesen für mich bisher schwersten Weg begleitet. Bei der letzten Ultraschalluntersuchung habe ich viel geweint und bin anschließend wieder in einen ruhigen und wartenden Zustand gewechselt, anders kann ich es nicht beschreiben.
Bis heute kann ich schwer begreifen, dass ich diese Frau war, der das passiert ist und die innerlich zusammengebrochen ist, als ich final die wehenauslösenden Medikamente nehmen und anschließend den OP-Kittel anziehen musste.
In dem Moment habe ich mich wie ein kleines und hilfloses Mädchen gefühlt, das unendlich viel Angst hatte und wusste, dass es „vorbei" ist. Noch im OP-Saal habe ich sehr geweint und darum gebeten, mir mein Baby nicht zu nehmen, meine Angst und Panik waren zu groß, der Verlust für mich zu schwer.
Trotzdem kann ich sagen, dass dort alle sehr feinfühlig und liebevoll mit mir umgegangen sind, es fühlte sich nicht nach Routine, sondern nach wirklicher Anteilnahme an. Nach dem Eingriff konnte ich kurze Zeit später nach Hause und hatte einige Tage stärkere Blutungen, aber wenig Schmerzen. Beim Frauenarzt war ich danach nicht mehr, ich schaffe es bis heute noch nicht.
Seitdem sind vier Monate vergangen, die ersten drei Wochen war ich krankgeschrieben und habe nur Zeit mit mir und meinen Kindern verbracht, viel geweint, ab und an Spaziergänge gemacht, viel gelesen und meine engsten Freunde getroffen. Ich habe alles in meinem Leben immer allein geschafft und bewältigt, war immer gerne für mich. Aber in den ersten drei Monaten habe ich mich sehr oft einsam und leer gefühlt, haltlos, als würde ein Stück fehlen und nichts mehr richtig Sinn ergeben. Darüber zu reden, viel zu lesen und meine Freunde so eng an meiner Seite zu haben, hilft mir bis heute sehr.
Dass einer der wichtigsten Menschen für mich, der Vater des Kindes, mit dem ich auch nach wie vor zusammenarbeite, nicht in der Schwangerschaft und auch nicht nach dem Verlust unseres Babys an meiner Seite war, mich in der wichtigsten und schlimmsten Situation meines Lebens allein gelassen hat, mich nicht mal in den Arm genommen oder besucht hat und nach wie vor jegliche emotionale Verantwortung von sich schiebt, ist bis heute sehr schwer für mich und ist eine so tiefe Wunde und Enttäuschung, die ich kaum fassen kann.
Nach wie vor wiegt der Verlust sehr schwer in einer Intensität, Traurigkeit und Leere, die ich nie erahnt und definitiv unterschätzt habe. Einerseits, weil sich ein so lang ersehnter und dann doch unerwarteter Wunsch nicht erfüllt hat. Andererseits weil es, vermutlich, ein Abschied von einem dritten Kind sein wird und einem Leben, das ich gerne nochmal gelebt hätte und auf das ich nur einen kurzen Ausblick bekommen habe. Nach wie vor bin ich sehr zurückgezogen und verarbeite das Geschehene, indem ich schreibe, viel lese und in der Natur bin. An manchen Tagen funktioniere ich gut und fühle mich stark und fast wieder glücklich, an anderen Tagen weine ich nur, verkrieche mich und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.
Nach einem Monat bin ich trotz innerlicher Widerstände allein in den Urlaub geflogen und habe mich dort wunderbar und unglaublich verloren gefühlt, habe die Wellen gehört und die Sonne genossen, viel gelesen und noch mehr geweint. Vielleicht fühlt sich so Heilung an. Manchmal habe ich Scham- und Schuldgefühle, weil ich das Versprechen einer Schwangerschaft nicht halten konnte – vor mir selbst, meinen Kindern, meiner Familie und meinen Freunden.
Weil mein Körper „versagt" hat, aber vielleicht auch einfach unglaublich gut funktioniert hat. Weil ich die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Weil ich so sehr für mich und das Leben in mir kämpfen musste, selbst als dort kein Leben mehr war, dass ich die Schwangerschaft lange nicht annehmen und mich freuen konnte.
Ich muss akzeptieren, dass dieser Verlust sehr viel mehr mit mir gemacht hat, als ich erahnen konnte und ich mir noch viel Zeit für meine Trauer geben darf. Ich lerne zu verstehen, was mir das Leben vielleicht damit sagen wollte, dass es für mich an der Zeit ist, mein eigenes Leben zu leben, den Fokus nach 20 Jahren Erziehung und die damit verbundene Verantwortung, auf mich zu lenken, zu lieben, zu reisen, meine Kinder weiter durchs Leben zu begleiten, aber auch eigenen Projekten und Wünschen nachzugehen. Am Ende wird es für etwas wichtig sein und trotzdem fühle ich mich oft sehr unvollständig und vielleicht ist das ok. Vielleicht wird in mir immer diese Lücke bleiben und vielleicht werde ich auch nicht mehr die, die ich vorher war.
Was mir bleibt ist jetzt das Tattoo auf meinem Unterarm, „missed." Steht dort. Für mein Baby, das ich verpasst habe. Ihr Name ist Marie.
Was mich ausmacht, ist meine Stärke, meine Reflektion und die Fähigkeit, mit mir selbst gerne allein zu sein und keine Angst zu haben, emotional in den "Keller" zu gehen, egal wie schwer es ist oder weh es tut. Ich schreibe und lese gerne, bin in der Natur, liebe das Meer und verreise gerne allein und beschäftige mich mit psychologischen Themen. Ansonsten habe ich ein paar sehr enge Freundinnen und meine Kinder immer nah an meiner Seite.