Sonja (37)Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Déjà-vu

Exakt sechs Monate nach der ersten Fehlgeburt steht Sonja wieder an derselben Stelle: gleiche Woche, gleiche Klinik, gleiche Diagnose, wieder kein Herzschlag. Ein Text über Wut, Wartezeiten und Suchhundinstinkte, über einen ultrakrassen Körper und darüber, was der Plural mit einem macht.

Ich finde es merkwürdig, dass es Déjà-vus wirklich gibt. Exakt 6 Monate nach meinem ersten positiven Test hielt ich sie wieder in den Händen, die zwei Streifen, die das Leben verändern. Exakt 6 Monate nach meiner ersten Blutung starrte ich wieder auf sehr viel Blut in der Toilette. Wieder eine Sturzblutung, wieder am Ende der fünften Woche. Exakt 6 Monate nach dem ersten Herzschlag eroberte wieder ein winziger Blob mit starkem Pochen mein eigenes Herz im Sturm. Exakt 6 Monate nach dem ersten großen Warten verfolgten wir wieder eine wunderbare und hoffnungsvoll zeitgerechte Entwicklung, bis das kleine Herzchen wieder, fast auf den Tag genau, aufhörte zu schlagen. Wieder in der achten Woche, diesmal am Ende. 7 Wochen, 5 Tage. 1,4 cm Hoffnung.

Auch die Diagnose Missed Abortion ist merkwürdig. Hinter dem Begriff steckt der Gedanke, dass mein Körper es verpasst hat, den fehlenden Herzschlag zu erkennen und den Abgang einzuleiten. Aber was ist das für ein absurder Anspruch an meinen Körper? Warum gilt eine Fehlgeburt als verpasst, wenn drei Tage nach dem letzten Herzschlag noch keine Blutung eingesetzt hat? Denn dieses Mal hatte ich es gespürt oder geahnt oder gewusst.

Anders als beim letzten Mal hatte ich den Mut, die schwindende Übelkeit und die leichten Krämpfe wahrzunehmen. Anders als beim letzten Mal traute ich mich nur mit diesem Gefühl in die Klinik zu gehen. Anders als beim letzten Mal erlebte ich die nächsten Schwangerschaftswochen nicht in der glücklichen Illusion, dass alles in Ordnung wäre. Wie ein gut ausgebildeter Suchhund hatte ich sie souverän aufgespürt, die Missed Abortion. Medizinisch aber zählte das nicht.

Machen Gynäkologen eigentlich eine Schulung in Empathie?

Diese Frage schwirrte mir lose und wertfrei im Kopf herum, als mich der junge Assistenzarzt in der Klinik noch vor der Untersuchung wiederholt auf mein Alter hinwies, als hätte ich es vergessen. Die Message blieb unausgesprochen, aber mein Kopf füllte die Leerstelle. Ich bin 37. Natürlich erlebe ich Fehlgeburten, auch im Plural. Ich bin 37. Niemand wird nach Ursachen suchen. Ich bin 37. Was habe ich erwartet? Trotzdem fühlte ich mich von ihm gut behandelt. Er schallte lange und suchte auf verschiedenen Ebenen nach einem Herzschlag. Ich war dankbar, dass er den erwarteten Klassiker „Ich kann keinen Herzschlag sehen“ dann doch irgendwie ganz einfühlsam sagte. Ich war auch dankbar, dass er mich fragte, ob ich es sehen wolle (ich wollte), und alles weitere erst mit mir besprach, nachdem ich mich wieder angezogen hatte. In der Gyn scheinen viele nicht zu begreifen, dass das Tragen von Hosen doch sehr zum Erhalt der Würde beiträgt.

Dieses Mal wurden mir nur zwei Optionen angeboten: Das Abwarten oder die Operation. Ich fragte mich, was mit dem medikamentösen Einleiten passiert war, ob es das nicht mehr gab oder warum es das jetzt für mich nicht mehr gab. Es war der erste Bruch im Déjà-vu. Ich war in derselben Woche, ich war in derselben Klinik, ich hatte dieselbe Diagnose, aber eine Option war verschwunden. Spurlos, als hätte es sie nie gegeben. Ich fragte nicht nach, ich war in der Stimmung das Schicksal hinzunehmen. Ohnehin fehlte mir der Herzschlag des kleinen Blobs mehr als die Möglichkeit, Medikamente zu nehmen, um ihn loszuwerden. Trotzdem arbeitete es in mir. Warum verengten sich die Möglichkeiten. Eine Option weniger. Warten oder ausschaben. Warten.

In meiner Frauenarztpraxis machte man mir Angst vor dem Warten und einer Gebärmutterentzündung. Gleichzeitig wurden keine Blutwerte abgenommen, kein HCG-Wert bestimmt, keine Entzündungswerte beobachtet. Es ist schon verrückt: Auf der einen Seite steht eine Operation mit Narkose, auf der anderen Seite steht – einfach nichts. Der kleine Blob und ich waren also auf uns gestellt. Ich versuchte die Situation irgendwie anzunehmen und auf meinen Körper zu vertrauen. Ich redete uns gut zu, dem Blob und mir, und musste irritierenderweise an unsere Ex-Bundeskanzlerin denken. Wir schaffen das. Nur dass wir es nicht schafften. Die Blutung kam. Und ging wieder. Der kleine Blob blieb. Er hielt alldem stand. Nicht dass es Sinn ergäbe, er konnte ohnehin nicht mehr wachsen. Aber er blieb. Anfangs war ich frustriert und wütend, weil ich wollte, dass mein Körper das schaffte. Weil ich es gebraucht hätte, um das Vertrauen wiederzuerlangen. Weil ich damit abschließen und nach vorne schauen wollte. Weil ich wollte, dass ich funktionierte.

Es dauerte etwas, bis ich feststellte, dass ich auf einer anderen Ebene genauso feststeckte wie der kleine Blob. Ich hatte ihn von Anfang an unter Generalverdacht gestellt und immer damit gerechnet, dass er plötzlich leblos werden würde. Auch dann, als meine Frauenärztin mich beglückwünschte und die magischen Worte „intakte Einlingsschwangerschaft“ in meinen Mutterpass notierte. Ich hatte mir verboten, mein Leben anzupassen in der Erwartung, dass er kommen würde. Ich hatte ihn auf Abstand gehalten, aus Sicherheitsgründen. Er war im Irrealis geblieben, und als es vorbei war, bereute ich es. Ich wollte ihn nicht mehr fernhalten, fand aber keinen Weg mehr ihm nahe zu sein, so als hätte ich es verpasst, ihn im richtigen Moment zu lieben. Ich litt. Wolkenberge türmten sich in mir auf.

Ich sprach wenig darüber, fühlte mich schuldig, zerbrochen, überdramatisch.

In dieser Dunkelheit fand ich dann doch irgendwo kleine, helle Funken gleißenden Lichts. Ich merkte, wie sympathisch es mir wurde, dieses kleine Wesen, das unbeeindruckt in mir ausharrte, das sich auch in einer ausgesprochen hoffnungslosen Situation einfach weigerte zu gehen, genauso stur und eigensinnig wie sein Papa (und vielleicht auch ich). Dieser Gedanke machte die Tür auf, um den kleinen Blob als eigenständiges und tapferes Wesen wahrzunehmen. Und ich konnte die ganze Liebe spüren, die immer schon für ihn da gewesen war. Er war nicht die bloße Wiederholung von dem, was bereits gewesen war. Er war nicht Fehlgeburt 2.0. An Tag 73 war das Déjà-vu endgültig gebrochen. Der kleine Blob ohne Herzschlag war immer noch da und in unserer Fantasie schenkten wir ihm seine eigene Geschichte.

Wir nannten ihn den kleinen Hausbesetzer und fingen im Scherz an, seinen Charakter zu entwerfen: Nervig hartnäckig, aber bewundernswert mutig. Jemand mit einem starken Willen und einigen absurden Meinungen. Jemand, der auf einer Party noch in den frühen Morgenstunden auf dem Sofa chillt, obwohl alle anderen Gäste schon gegangen sind. Jemand, der auch verlorene Kämpfe kämpft. Jemand mit einer wahren kleinen Punkerseele. Jemand mit Haltung. Jemand, der da ist. Jemand, der sich nicht einfach umdreht und geht. Ich hätte ihn gerne kennengelernt. Nach ein paar Tagen oder Wochen – die Zeit zerfließt – half mir das Bild des kleinen Hausbesetzers auch, ab und an über seine Räumung nachzudenken. Denn welcher Hausbesetzer geht schon freiwillig?

Ich war in der zwölften Schwangerschaftswoche angekommen, vier Wochen davon mit einem toten Kind im Bauch. Früher hätte ich sicher gesagt, dass ich das nicht könnte. So, wie wir bei vielen schlimmen Dingen denken „ich könnte das nicht“. Ich habe in letzter Zeit viel über diese Worte nachgedacht und habe die Vermutung, dass wir sie nutzen, um einen Schutzwall um uns herum zu errichten; etwas, das das Schlimme auf Abstand hält. Ich bin überzeugt, dass nur das gegenwärtige Erleben zeigt, was wir wirklich aushalten können. Und das, was wir einmal ausgehalten haben, kann beim nächsten Mal unerträglich sein. Jede Erfahrung des Schlimmen ist neu. Dieses Mal erlebte ich also, dass ich es durchaus aushalten konnte, mit einem Blob ohne Herzschlag schwanger zu sein. Ich ging joggen, unterrichtete, reiste quer durch die Republik, nahm an Fortbildungen und Seminaren teil, hielt Präsentationen und traf mich mit Freundinnen und Freunden. Letzteres fiel mir unerwartet schwer. Die wenigen Menschen, denen ich es erzählt hatte, boten Telefonate und Treffen an. Obwohl ich dankbar war, blieb ich merkwürdig wortlos.

Ich zog mich zurück – und fühlte mich schrecklich allein.

Der Verlust der beiden Kleinsten wog schwer für mich. Der Plural veränderte etwas, er war mehr als die Summe der beiden Erfahrungen. Beim ersten Mal hatte ich meine Unbefangenheit verloren, beim zweiten Mal verlor ich meine Zuversicht und noch etwas. Ich wusste nicht, was es war, ich fühlte nur, dass es wichtig gewesen war. Mein Partner trauerte anders als ich. Ihm gelang es, das alles als natürlichen Prozess anzunehmen, ich hing im Déjà-vu fest. Ich kam nicht von der Frage los, ob etwas Grundsätzliches nicht stimmte. Warum war alles gut, bis nichts mehr gut war? Warum produzierten wir zuverlässig nur temporäre, flüchtige Herzschläge? Wie konnte ich jetzt noch hoffen? Und verdammt nochmal: Wie bewegt man einen putzigen, kleinen Hausbesetzer zum Gehen?

Mein nächster Frauenarztbesuch zeigte, dass mein Körper unbemerkt seinen eigenen Weg gefunden hatte. Der kleine Blob war fast vollständig verschwunden, die Fruchthöhle deutlich kleiner, der HCG-Wert stark gefallen. Irgendwie hatte es diese linke Socke also geschafft, ein bisschen zu gehen und ein bisschen zu bleiben. Ein Kompromiss oder ein Friedensangebot, das so sympathisch war, dass ich nicht ablehnen konnte. Ich versöhnte mich mit dem kleinen Hausbesetzer – und mit meinem Körper, der im Stillen so viel geleistet hatte. Meine Frauenärztin bot mir an, mit Medikamenten einzuleiten. Da war er also wieder, dieser alternative Weg, den es manchmal gab und manchmal nicht. Wieder entschied ich mich für das Warten. Nicht weil ich die Medikamente ablehnte, sondern weil das Warten seinen Schrecken und seine Schwere verloren hatte. Es war Sommer, ich hatte keine Beschwerden und fühlte mich trotz der bleibenden Traurigkeit irgendwie frei und geerdet, in vollem Vertrauen auf mich und meinen Körper.

Ich nahm weiter Abschied – und Kontakt zu einer Hebamme auf. Es war dieselbe Hebamme, die ich bei meiner ersten Schwangerschaft ausgesucht und nie kennengelernt hatte. Ich fühlte mich von ihr gesehen und hatte den Mut, mit ihr zusammen meine eigene Ruhe, aber auch meine Ungeduld zu erspüren. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir Zeit schenkte, nicht nur beim Warten auf die Kleine Geburt, sondern auch beim Warten auf ein Kind. Es gibt eine Stimme in mir, die alles ganz schnell hinter sich bringen und sofort wieder schwanger werden möchte – und diese Stimme ist laut und ein bisschen verzweifelt. Aber es rollten auch Tränen der Erleichterung über meine Wangen, als ich begriff, dass ich auch im Kinderwunsch warten und loslassen und meinem Körper vertrauen durfte, auch mit 37, auch mit Myomen, auch mit zwei kleinen Sternen im Herzen.

Mein ganz persönliches Abschiedsritual war ein Triathlon. Mein erster Triathlon, rechnerisch in der 14. Schwangerschaftswoche. Als ich die Erinnerungsnachricht für die Veranstaltung bekam, hatte ich völlig vergessen, dass ich mich vor einigen Monaten angemeldet hatte, in einem anderen Leben. Kurzentschlossen ging ich mit minimaler Vorbereitung und klopfendem Herzen an den Start: für mich. Und girl, war ich stark – und stolz auf diesen wunderbaren und ultrakrassen Körper – und verliebt in meinen größten Fan am Streckenrand. Ein paar Tage später entschied ich mich nach sechs langen Wochen des Wartens frei und zutiefst selbstbestimmt für die Medikamente. Auf dem Bergfriedhof liegt jetzt ein zweiter funkelnder Stein neben unserem ersten. In der Stadt ziehe ich für 50 Cent einen Zettel aus dem Lyrikautomaten. „Stark sein bedeutet, fühlen zu können“ (Fernando Pessoa).

Das Ende vom Anfang – Sonja
Sonja (37)Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Wenn ich mit Rucksack und Zelt in den Bergen unterwegs bin, fühle ich mich völlig frei.

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Was, wenn es wieder schief geht.

Am 05.11.2026 veröffentlicht.