Janine (35)Erzieherin

Was, wenn es wieder schief geht.

Was macht es mit einem Menschen, wenn er sein Baby nicht nur einmal, sondern zweimal verliert? Janine erzählt, wie nach der ersten Fehlgeburt die unbeschwerte Vorfreude verschwand und wie der zweite Verlust sie in eine tiefe Leere stürzte, aus der sie erst herausfand, als sie den Schmerz zuließ.

Meinen ersten Verlust erlitt ich im Januar 2020. Mein Mann und ich hatten im April 2019 beschlossen, die Kinderplanung anzugehen.

Es war kurz nach unserer Hochzeit und wir waren sehr aufgeregt und euphorisch. Mein Mann hatte noch die Vorstellung, dass es bestimmt ganz schnell gehen würde, bis wir schwanger sind. Ich dachte mir aber, dass es dauern wird, da ich unter polyzystischen Ovarien leide und meine Zyklen dadurch sehr unregelmäßig sind. Da wir das Ganze locker angehen wollten, planten wir nichts und ließen allem seinen Lauf. Ich habe lediglich meine Zykluslänge mit einer App dokumentiert. Am Montag, den 20.01.2020 wurde ich dann langsam stutzig, da mein Zyklus länger war als alle zuletzt dokumentierten. Also beschloss ich am 21.01.2020, einen Test zu machen, der tatsächlich positiv ausfiel. Ich war so aufgeregt und überglücklich, dass ich direkt bei meinem Frauenarzt anrief, um einen Termin zum ersten Ultraschall zu vereinbaren.

Am selben Abend erzählte ich meinem Mann, dass ich schwanger sei. Er freute sich so sehr und ging gleich in das „Rumpelzimmer“ bei uns in der Wohnung, welches einmal das Kinderzimmer werden sollte. Er plante schon, wie man es einrichten könnte und was er dann alles machen könnte. Eine Woche später sollte ich den ersten Ultraschalltermin haben, jedoch sollte es dazu nicht mehr kommen.

Ich wachte am 24.01.2020 schon mit einem unguten Gefühl auf, konnte aber nicht sagen, woran es lag. Als ich zur Toilette ging und beiläufig in die Unterhose schaute, gefror mir förmlich das Blut in meinen Adern. Ganz kleine Blutflecken waren zu sehen, und als ich mit dem Toilettenpapier abwischte, kam noch mehr. Ich dachte nur: „Nein, nein, nein, das kann nicht sein!“ Ich fuhr direkt zum Frauenarzt, in der Hoffnung, dass es nur eine ganz leichte Blutung sei und schon alles gut sein würde mit unserem kleinen Wunder.

Doch leider konnte der Arzt auf dem Ultraschall schon kaum noch etwas sehen und beim Einführen des Ultraschallkopfes kam sehr viel Blut. Mittlerweile hatte ich auch sehr starke Krämpfe. Was danach geschah, ist alles ziemlich verschwommen. Irgendwie hab ich es nach Hause geschafft, mich ins Bett gelegt und nur noch geweint, bis mein Mann nach Hause kam und wir uns gemeinsam unserer Trauer hingaben.
Ich blutete 10 Tage lang, bis es vorbei war, alles leer und vorbei. Aber die Hoffnung und der Wunsch nach einem gemeinsamen Baby blieben, noch stärker als zuvor.

Wir brauchten einige Monate, bis wir uns trauten, es wieder zu versuchen. Ich beschloss im April 2020, mit der NFP-Methode anzufangen, da ich meinen Körper so besser kennenlernen wollte. Es klappte ganz gut, ich fand mich schnell in die Methode ein und ich konnte meinen Zyklus mithilfe von einem Babytraumtee etwas regulieren. Am 27.11.2020 durfte ich tatsächlich wieder positiv testen. Es war dieses Mal nicht mehr nur pure Freude, sondern direkt in diesem Moment kam auch die Angst.

„Was, wenn es wieder schiefgeht?“

Zufällig hatte ich genau an diesem Tag einen Frauenarzttermin. Ich ging mit sehr gemischten Gefühlen hin. Es wurde noch einmal ein Test gemacht, um die Schwangerschaft zu bestätigen – positiv. Es wurde direkt Blut abgenommen und sogar ein Ultraschall wurde direkt gemacht. Es hieß, ich stünde nun unter besonderer Beobachtung aufgrund meines ersten Aborts. Der Ultraschall zeigte nicht viel, außer einem sehr kleinen Bläschen mit Pünktchen darin. „Ca. 4+6, hier ist der Dottersack, es sieht alles sehr gut aus!“

Ich war zunächst erleichtert und dachte mir, dass diesmal schon alles gut gehen würde. Mit Unmengen Infomaterial zur Schwangerschaft verließ ich die Praxis und fuhr nach Hause. Mein Mann kam von der Arbeit, ich hatte ihm den Test und das erste Bild in ein Kästchen gelegt mit der Überschrift „Du wirst Papa!“ Er freute sich so sehr, dass ich meine Sorgen in diesem Moment völlig vergaß und einfach nur dankbar und glücklich war. Aufgrund meiner Beschäftigung in einer Kinderkrippe und der Corona-Pandemie berichtete ich direkt meinem Arbeitgeber von der Schwangerschaft und wurde dann ins Beschäftigungsverbot geschickt. Das hieß für mich aber auch, dass ich keine Ablenkung mehr durch meine Arbeit hatte, sondern zu Hause war und genug Zeit hatte, mir über alles Mögliche Gedanken zu machen. Fragen über Fragen kreisten in meinem Kopf, auf die ich von niemandem eine Antwort hätte bekommen können. Ich machte mich verrückt und versuchte mich immer wieder abzulenken, was mir oft mehr schlecht als recht gelang.

Mein Mann und ich gingen wöchentlich zum Ultraschall und durften uns zwei Wochen darüber freuen, dass unser „Krümelchen“ sich entwickelte und alles soweit gut war. Nur das Herzchen hatte man noch nicht richtig schlagen sehen, jedoch meinte die Ärztin, dass es oft auch erst später richtig zu sehen sei. Am 18.12.2020 war unser nächster Termin. Es sollte der letzte Ultraschall vor Weihnachten und Silvester werden, danach sollte dann erst wieder einer in 3 Wochen erfolgen. Wir saßen im Wartezimmer und waren sehr aufgeregt: „Heute sehen wir das Herzchen schlagen, sie meinte, bei 7+6 sollte man es sehr deutlich schlagen sehen!“
Der Ultraschall fühlte sich kalt an, ich wartete und wartete, dass die Ärztin sagt: „Hier ist es!“ Doch es blieb still. Dann schaute ich auf den Bildschirm und sah unser Krümelchen, jedoch ohne einen erkennbaren Herzschlag. Wieder fiel ich in eine Art Trance, als Schutzreaktion meines Körpers, um meinen Verstand nicht bersten zu lassen. Ich zog mich an, setzte mich neben meinen Mann, der den Arm um mich legte und blass und betroffen aussah. Die Ärztin war toll und einfühlsam. Sie erklärte uns, dass der Herzschlag eigentlich deutlich hätte zu sehen sein müssen, da es sich auch weiterentwickelt hatte.

Jedoch ist nicht ganz auszuschließen, dass die Schwangerschaft eventuell etwas jünger ist als angenommen und man den Herzschlag erst später zu sehen bekommt. Sie bestellte uns für den 30.12.2020 ins Krankenhaus, um noch einmal einen Ultraschall zu machen und zu sehen, ob sich der Herzschlag eingestellt hat. Wir gingen aus der Praxis mit einem Kontrolltermin für den 12.01.2021. Ich wollte nur noch nach Hause unter die Bettdecke.

Nichts mehr denken und nichts mehr fühlen.

Nachdem mein Mann und ich zwei Tage lang geweint hatten, keimte doch noch ein Fünkchen Hoffnung in uns auf. Wir wollten daran glauben, dass alles gut wird, und an diesem Gedanken hielten wir fest.
An Weihnachten sagten wir unserer Familie, was Sache ist. Wir hätten es ja eh nicht verheimlichen können, da direkt aufgefallen wäre, dass ich nichts trinke. Sie freuten sich, verhalten natürlich, und hofften mit uns auf den 30.12.2020.

Der Tag kam und ich wachte wieder mit diesem unguten Gefühl auf, welches ich schon bei meiner ersten Fehlgeburt gehabt hatte. Ich schob es aber beiseite und dachte wieder: „Es wird alles gut!“ Mein Mann brachte mich zum Eingang des Krankenhauses, er durfte nicht mit, aufgrund der Corona-Lage. Ich kam in das Untersuchungszimmer, der Ultraschall wurde eingeführt und dann hatte ich wieder dieses schlechte Gefühl, wie am Morgen beim Aufwachen, und irgendwie wusste ich auf einmal, was jetzt kommen würde.

„Missed abortion“ lautete die Diagnose. Ich hatte nun die Wahl zwischen einer direkten Ausschabung oder dem Warten, dass der Körper es selbst erledigt und ich unser Sternchen in einer kleinen Geburt auf die Welt bringen würde. Ich wusste sofort, dass ich mein Kind auf keinen Fall einfach „wegmachen“ lassen würde. Ich rannte förmlich aus dem Krankenhaus zu meinem Mann im Auto. Die Tränen brachen aus mir heraus und er wusste, was los war, und weinte mit mir. Ich sagte nur: „Ich will es zur Welt bringen, wenn ich bereit dazu bin!“
Zu Hause begann dann das Warten auf das Ende vom Anfang.

Es war eine sehr intensive Zeit, mit vielen Gesprächen, vielen Tränen, so viel Liebe und Halt. Ohne meinen Mann, der sich so liebevoll um mich kümmerte, hätte ich das alles nicht durchgestanden. Irgendwann ganz plötzlich in dieser Zeit zwischen den Jahren hatte ich das Gefühl, jetzt loslassen zu müssen. Ich legte die Hand auf meinen Bauch und sagte zu unserem Krümelchen: „Du kannst jetzt gehen, wir werden dich sehr vermissen!“

Dann, am 04.01.2021, meinem 30. Geburtstag, begann ich zu bluten. Es war nur eine leichte Blutung, die auch die Tage darauf nicht viel stärker wurde. Ich sprach immer wieder mit unserem Krümelchen, dass alles gut sei und wir das schaffen würden. Ich hatte mich im Drogeriemarkt mit Wochenbettbinden und Einmalhandtüchern eingedeckt und wartete jeden Augenblick auf eine stark einsetzende Blutung, die mein Krümelchen herausbringen würde.

In der Nacht zum 08.01.2021 wachte ich unter starken Schmerzen auf und wusste sofort, dass es losgehen musste. Ich ging in die Küche, holte mir meine Wärmflasche und setzte mich im Bad auf den Boden.
Ich habe jegliches Gefühl für Zeit verloren, weiß noch, dass irgendwann mein Mann kam, um mich zu halten, während ich mich unter Schmerzen wand, die ich bis dato nicht kannte. Und dann, irgendwann, waren die Schmerzen verschwunden und alles war vorbei …

Ich verschlief den nächsten Tag komplett und auch am darauffolgenden Tag war ich sehr schwach auf den Beinen. Nur langsam ging es mir besser, doch ich hörte nicht auf zu bluten. Ich ging am 12.01.2021 in die Praxis, da die Blutung nicht aufhörte und es mir nur sehr langsam besser ging. Mein Mann durfte mich zum Glück begleiten und so bekamen wir die nächste Hiobsbotschaft mitgeteilt. Es waren noch Gewebereste zurückgeblieben und man müsse noch ausschaben. Abermals verfiel ich in diese Trance, begleitet von dem hämmernden Gedanken: „Wie kann das sein?“

Ich bekam die Überweisung ins Krankenhaus, in das ich wieder alleine, ohne meinen Mann, gehen musste, und fragte mich, wann dieser Albtraum denn endlich ein Ende finden würde. Im Krankenhaus waren sie optimistisch, einen Versuch mit Cytotec zu wagen. Das Medikament sollte noch einmal Wehen auslösen und den letzten Rest unseres Babys nach draußen schicken. Ein Versuch, ein Fehlschlag.

Am 20.01.2021 wurde die Ausschabung vorgenommen. Wieder ließ ich das alles über mich ergehen, um nicht vollends zusammenzubrechen. Das Gefühl nach der Ausschabung ließ sich mit einem Wort beschreiben: Leere!

Ich fühlte mich sowohl körperlich als auch geistig abermals einfach leer. Tagelang.

Bis mein Mann den Arm um mich legte und meinte: „Du musst anfangen loszulassen, mein Schatz, wir schaffen das zusammen! Ich liebe dich so sehr!“
Mir wurde in diesem Moment klar, dass ich den Schmerz zulassen musste, um loslassen zu können, um all das hinter mir lassen zu können, um wieder voller Hoffnung und Zuversicht in unsere Zukunft zu gehen.

Was danach passierte

Diese Hoffnung und Zuversicht zahlten sich letzten Endes aus, als ich Anfang September 2021 wieder einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt und diese Schwangerschaft blieb. Sie blieb lange völlig komplikationslos, was für uns ein Segen war, denn wir waren voller Angst nach den beiden vorangegangenen Fehlgeburten. Jedoch stellte sich bei der Kontrolle in der 32. SSW heraus, dass ich einen viel zu hohen Blutdruck hatte (180/110). Ich musste ab sofort direkt zur Beobachtung ins Krankenhaus. Das war an einem Dienstag, vier Tage später kam unser großes Wunder acht Wochen zu früh per Notkaiserschnitt auf die Welt, bei dem ich so viel Blut verlor, dass mein Körper in dieser Stresssituation eine Autoimmunreaktion in Gang setzte und meine Nieren angriff. Akutes Nierenversagen. Ein neues Trauma, welches es zu verarbeiten galt. Unsere Tochter machte alles so gut, sie hatte keine für Frühchen typischen Komplikationen, aber mein Körper hatte so stark gelitten und erholte sich nur sehr, sehr langsam. Die seltene Diagnose „atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom“, kurz „aHUS postpartal“, fühlte sich wie eine erneute heftige Ohrfeige des Schicksals an. Aber um ehrlich zu sein, war mir in dieser Zeit alles egal. Hauptsache, mein Kind machte Fortschritte und war gesund.

All die Schicksalsschläge, die letzten Endes zu unserem großen Wunder geführt haben, lassen uns ehrfürchtig zurück. Ehrfürchtig vor dem Leben, welches so kostbar ist, und vor der Zeit, die man mit seinen Liebsten gemeinsam hat.

Für uns ist die Kinderwunschreise beendet. Wir könnten das Risiko einer erneuten Schwangerschaft nicht tragen, selbst wenn wir es so sehr wollten. Aber wir haben eine gesunde kleine Tochter, die uns jeden Tag aufs Neue zeigt, wie besonders und wundervoll das Leben sein kann, trotz seiner absoluten Unberechenbarkeit.

Am Ende hielt Janine doch noch ihr Wunder im Arm: Ihre Tochter kam acht Wochen zu früh, aber gesund zur Welt, auch wenn die Geburt Janine selbst an ihre körperlichen Grenzen brachte. Damit ist ihre Kinderwunschreise abgeschlossen.

Das Ende vom Anfang – Janine
Janine (35)Erzieherin

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