Christina (34)

Sie kamen in der 21. und 20. Woche zur Welt

Christinas Baby kam in der 21. SSW während eines Griechenland-Urlaubs auf die Welt, viel zu früh, und starb. Auch ihre zweite Schwangerschaft endete mit einem Spätabort in der 20. SSW. Zwei tragische Schicksalsschläge, für die wohl jeweils eine Infektion der Auslöser war, und die ihr Leben nachhaltig verändert haben.

Es sind jetzt fast zwei Jahre seit unserer ersten ICSI vergangen. Ich kann mich noch erinnern, wie aufgeregt ich vor der ersten Spritze war. Aufgeregt ⎼ und auch voller Zuversicht, dass sich unser Kinderwunsch nach langer Zeit dadurch endlich erfüllt. Und tatsächlich, gleich der erste Versuch war ein voller Erfolg.

Wir waren überglücklich und nach den ersten zwölf Wochen haben wir angefangen, voller Vorfreude für unser Baby einzukaufen. Wir haben neuen Fußboden verlegt und das Bettchen aufgestellt. Auch meine Mama, die mit mir mitgefiebert hatte, konnte sich bei süßen Babysachen nicht zurückhalten und freute sich sehr. Die Vorsorgetermine waren allesamt unauffällig, auch der letzte Termin vor unserem Sommerurlaub. Es ging nach Kreta, nochmal die Zeit zu zweit genießen. Unseren dritten Urlaubstag werde ich nie vergessen. Ich hatte plötzliche starke Schmerzen und Blutungen, schnell konnte ich mich kaum mehr auf den Beinen halten. Da war ich in der 21. SSW.

Keine Stunde später habe ich unser Kind unter größten Schmerzen geboren, obwohl sich in mir alles dagegen gewehrt hatte.

Wir fuhren mit einem Taxi ins Krankenhaus, wo ich schon auf der Straße in mir zusammensank. Niemand hat uns geholfen. Irgendwie haben wir es nach drinnen geschafft und hatten wahnsinniges Glück: In dem Krankenhaus arbeitete ein Deutsch sprechender Gynäkologe, der uns zur Seite stand. Bei der anschließenden Untersuchung sah ich unser Kind strampeln, das Herzchen klopfte – aber mein Muttermund war komplett geöffnet und die Geburt bereits im Gange. Der Arzt erklärte uns, dass man nichts mehr tun könne, die Geburt stand unmittelbar bevor. Keine Stunde später habe ich unser Kind unter größten Schmerzen geboren, obwohl sich in mir alles dagegen gewehrt hatte.

Einen kurzen Moment standen die Krankenschwestern und Ärzte danach noch an meinem Bett und schauten zwischen meine Beine. Viel später habe ich erfahren, dass das die Minuten waren, in denen sich unser Kind noch bewegt hat, man hat einfach abgewartet, bis es verstirbt. Ich wurde danach ausgeschabt.

Später haben wir darum gebeten, unser Kind ansehen zu dürfen. Das ist in Griechenland wohl nicht so üblich, denn zuerst riet man uns davon ab, aber da wir uns nicht davon abbringen ließen, brachten sie es uns dann schließlich doch. Unser Kind lag in einer Nierenschale aus Pappe, zugedeckt mit einem Papiertaschentuch, noch halb in seiner Fruchtblase. Es war perfekt. Wir haben nur ein Bild von unserem Baby und nur ein paar Minuten Zeit gehabt, bevor man es uns für immer weggenommen hat. Der deutsche Arzt kam am nächsten Morgen wieder, und erklärte uns, dass wohl eine aufgestiegene Infektion die Ursache für unseren Spätabort war. Er meinte, dass es diesmal wohl „Pech“ war, und wir es wieder versuchen sollen. Das Baby solle untersucht und beigesetzt werden – wir wissen bis heute nicht wo.

Unsere Wohnung fühlte sich fremd an, es wartete ein Kinderzimmer auf uns, aber das Kind dazu würde es nicht geben.

Wir sind dann nach Hause geflogen, sobald es mir gesundheitlich möglich war. Ich hatte sehr viel Blut verloren. Der Moment, als wir die Haustür aufgeschlossen haben, war die Hölle. Unsere Wohnung fühlte sich fremd an, es wartete ein Kinderzimmer auf uns, aber das Kind dazu würde es nicht geben. Wir haben so viel geweint wie noch nie in dieser Zeit, die ersten paar Tage habe ich meine Augen nicht mehr richtig aufbekommen. Unser Kinderwunsch war aber immer noch da, und so versuchten wir es Ende Oktober erneut.

Und ich konnte es gar nicht glauben, aber es hat wieder direkt geklappt. Die Freude war direkt riesengroß, Angst hatte ich keine. An Silvester habe ich mir das neue Jahr mit unserem Kind ausgemalt. Doch es kam anders. In der 16. SSW hatte ich plötzlich starken Ausfluss. Ich hatte Panik und einen Verdacht, also sind wir ins Krankenhaus gefahren. Dort bestätigte man mir, dass es sich um Fruchtwasser handelte – unser Kind lag komplett auf dem Trockenen. Sofort durfte ich nur noch liegen und bekam Antibiotika, da man Keime im Abstrich feststellen konnte. Man erklärte uns, dass sich die Fruchtblase manchmal von allein wieder verschließt. Das tat sie aber nicht. Mal war ein wenig Fruchtwasser vorhanden, aber es ging immer wieder ab.

Wir führten viele Gespräche mit Ärzten und Kinderärzten, die alle zum Abbruch rieten. Das führte auch zu Streit zwischen uns als Paar, denn ich konnte das nicht. Ich fühlte es ja treten und sich bewegen, ich fühlte es sei nicht mein Recht, über das Leben zu entscheiden. Es sollte selbst entscheiden. Im Krankenhaus war ich die meiste Zeit allein. Es gab sowieso Kontaktbeschränkungen wegen Corona, aber in so einer schweren Zeit sieht man eben, wem man wichtig ist.

Nach über vier Wochen mit beinahe täglich wechselnden Bettnachbarinnen hielt ich es nicht mehr aus und bin nach Hause gegangen. Die Ärzte meinten, dass ich auch dort liegen könne, und Medikamente bekam ich ja auch schon länger nicht mehr. In meiner zweiten Nacht daheim bekam ich Wehen, und wir sind ins Krankenhaus zurück gefahren. Man gab mir Opiate und eine PDA, die Geburt stand bevor. Mein Partner konnte es nicht ertragen, sich das alles nochmal anzuschauen, und ich habe ihn dann irgendwann heim geschickt. Später wusste ich davon nichts mehr und habe wohl dauernd bei den Schwestern nach ihm gefragt.

Mit leeren Händen und leerem Bauch ging ich nach Hause.

Als ich aufwachte, war ich allein, die Sonne schien in mein Zimmer. Irgendwann kam jemand, um mit mir aufzustehen und über die Beisetzung und eine Obduktion zu sprechen. Auch mir riet man zu weiterführenden Untersuchungen. Später brachte man mir mein Kind. Wunderschön in einem kleinen Körbchen, in eine Decke eingewickelt, mit einem Mützchen auf dem Kopf. Die Hebamme hat Abdrücke von Händen und Füßen gemacht und mir eine schöne Karte gegeben. Ein richtiges Baby, nur noch viel kleiner. Am nächsten Tag kam der Sternenkinderfotograf und hat ganz viele Bilder gemacht, die ich später in einem Album drucken lassen habe. Zwei Tage nach der Geburt wurde ich dann entlassen, da haben sie auch dieses Kind für immer mitgenommen. Mit leeren Händen und leerem Bauch ging ich nach Hause.

Ein paar Tage später, an meinem Geburtstag, haben wir unser Traumhaus besichtigt und sind im Sommer umgezogen. Ich habe immer gedacht, vielleicht haben uns die Kinder das Haus geschickt. Am Anfang war es für uns nicht leicht, das leere Kinderzimmer zu sehen. Nach und nach habe ich es deswegen als zweites Schlafzimmer eingerichtet. In Gedanken richte ich es aber manchmal still und heimlich als Kinderzimmer ein und hoffe, dass ich das auch in Wirklichkeit einmal machen kann.

Wir haben im Anschluss an die zweite Fehlgeburt einige Untersuchungen machen lassen. Die Ergebnisse waren alle unauffällig, dafür habe ich jetzt ein Bild von meiner DNA. Die Obduktion unseres zweiten Kindes ergab, dass es völlig gesund war, aber eine sehr starke Infektion vorlag. Zufällig haben wir damals auch zeitgleich eine Nachricht aus Griechenland erhalten, dass auch unser erstes Kind gesund war. Auch hier war die Ursache für die Fehlgeburt eine Infektion. Woher die Infektionen allerdings kamen, konnte uns niemand sagen.

Wir haben es auch weiter versucht, diesmal dauerte es allerdings länger. Kurz vor Weihnachten 2022 hat es dann nochmal geklappt, aber im Januar hatte ich eine frühe Fehlgeburt. Bisher gibt es also kein Happy End bei unserer Geschichte, aber wir glauben fest daran und werden nochmal ein paar Versuche starten.

Nach dem Tod von meinen Kindern habe ich von den meisten Menschen nicht mal ein „Beileid“ gehört.

Die ganze Kinderwunschklinikzeit und die Fehlgeburten haben mich natürlich verändert. Nach dem Tod von meinen Kindern habe ich von den meisten Menschen nicht mal ein „Beileid“ gehört. Es wurde größtenteils ignoriert und so getan, als wäre nichts gewesen. Das hat mir sehr weh getan, und ich habe viele Kontakte abgebrochen oder sie sind sehr oberflächlich geworden.

Mein Umfeld besteht heute eher aus Frauen, die selbst in Kinderwunschbehandlung sind/waren. Es ist anstrengend, immer den Prozess einer künstlichen Befruchtung erklären zu müssen und dann noch blöde Kommentare zu ernten. Schwangere und Familienfeiern mit kleinen Kindern oder Babys meide ich. Dafür hat nicht jeder Verständnis, und manchmal ist es schwer, sich da zu behaupten.

Es gibt viele Situationen, in denen ich an meine Kinder denke. Oft frage ich mich: „Hätten sie das so für ihre Mama gewollt? Würden sie dies und jenes jetzt gut finden?“ Solche Gedanken bringen mich dann ganz schnell wieder zu den wirklich wichtigen Dingen zurück. Durch meine Kinder habe ich gelernt, dass ich auch nur ein Leben habe und es so gestalten sollte, wie es mir gefällt. Auch wenn meine Kinder nicht mehr sind, haben sie mir das als Geschenk mitgegeben, und dafür bin ich dankbar.

Das Ende vom Anfang – Christina
Christina (34)

Ich liebe Inneneinrichtung und Deko, stelle deswegen in regelmäßigen Abständen das Haus auf den Kopf, streiche und bastle. Gerne gehe ich auch zum Zumba und powere mich da aus. Das sind die Dinge, die mir immer wieder Energie geben.

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Wir haben verloren: den Kampf, euch.

Am 19.09.2023 veröffentlicht.
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Eine kleine, zarte Sternschnuppe

Am 08.12.2023 veröffentlicht.