Johanna (35)Hebamme

Eine kleine, zarte Sternschnuppe

Johanna ist Hebamme. Sie war mental sogar auf einen Abort vorbereitet. Als sich dieser tatsächlich in der 11. SSW eintrat, wartete sie erstmal ab, da eine Kürretage für sie nicht der richtige Weg war, musste dann aber doch mit Tabletten einleiten. Ihr Bericht ist auch eine Aufforderung, frei über die Wahl einer stillen Geburt zu entscheiden, statt pauschal einen Überweisungsschein zur Ausschabung zu erhalten.

Meine kleine Geburt kündigte sich in der rechnerisch 11. Schwangerschaftswoche mit einer leichten Blutung an. Obwohl ich wusste, dass Blutungen nicht zwangsläufig in einem Abort enden müssen, war ich nicht überrascht als man im Ultraschall kurz darauf keinen Herzschlag mehr sehen konnte.

Mit gemischten Gefühlen, zweifelnd und doch guter Hoffnung, war ich in diese Schwangerschaft gestartet. Die Entwicklung und Größe des Embryos wollten nie so recht zu meinem Eisprung passen. Als ich dann aber ein Herzchen im Ultraschall schlagen sah, entschloss ich mich dazu loszulassen und Vertrauen zu haben. Außerdem fühlte ich zwischen den unsicheren Phasen immer wieder, dass da jemand gekommen war, um zu bleiben. Darauf spürte ich die hormonelle Umstellung sehr, begann von der Schwangerschaft zu erzählen und begrüßte die kleine Seele in mir.

Ich bin mir sicher, sie gespürt zu haben. Ab der rechnerisch 10. Schwangerschaftswoche hatte ich immer wieder den Hauch einer Ahnung, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Mein Körper fühlte sich weiterhin irgendwie schwanger an, aber ich hab die kleine Seele nicht mehr wahrnehmen können. Ich fragte mich immer wieder, ob ich einen verhaltenen Abort habe, beruhigte mich dann aber damit, dass ich es mir nicht vorstellen konnte, dass mir so etwas passieren würde.

Eine Ausschabung war für mich von Anfang an ausgeschlossen. Ich glaube an die heilsame Kraft der Konfrontation.

Zudem konnte ich es mir weder vorstellen in Vollnarkose jemand anderen meine Schwangerschaft beenden zu lassen, noch wollte ich meiner Gebärmutter die Risiken einer Curretage zumuten. Ich überließ es vorerst meinem Körper selbst die Schwangerschaft gehen zu lassen. und war dankbar um die ersten Tage an denen nichts passierte. Ich brauchte die Schwangerschaft noch, um erst einmal seelisch zu verarbeiten, dass mir der verhaltene Abort eben doch passiert und die kleine Seele nicht mehr in mir war.

Ich nahm mir Zeit zum Trauern und war mitunter überwältigt von dem Schmerz. So umfassend hatte ich ihn nicht erwartet. Gleichzeitig konnte ich eine Stimme in mir wahrnehmen, die mir versicherte, dass alles so ist, wie es sein soll. Die Natur nahm ihren Lauf und es war meine Aufgabe ihr zu folgen.

In der zweiten Nacht nach der Diagnose saß ich am Fenster und schaute in den Sternenhimmel. Eine kleine, zarte Sternschnuppe huschte wie ein Blinken übers Firmament. Mir schien es als sie die kleine Seele da oben wieder angekommen. Loslassen wollte mein Körper trotzdem noch nicht. Ich versuchte ihm mit Hirtentäscheltee und Senfmehlfußbädern zu helfen. Es traten kleine Schmierblutungen auf, mehr aber nicht. Nach Trost suchend bin ich in Begleitung einer Freundin im Friedwald gewesen, habe mir beim Fahrradfahren den Kopf frei gestrampelt oder ging mit einer anderen Freundin am Kanal spazieren.

Mich berührten viele einfühlsame und verständnisvolle Reaktionen aus meiner Familie und meinem Freundeskreis. Sehen oder sprechen mochte ich fast niemanden. In den Armen meines Freundes hatte ich die tröstlichsten Momente, er ließ mich weinen und hielt die Traurigkeit mit mir zusammen aus. Für ihn hatte seine Trauer eine andere Qualität. Die Schwangerschaft hatte auch ihn mit Vorfreude erfüllt, war aber noch abstrakt gewesen. Wir konnten gut darüber sprechen und einander in unseren Emotionen Sein lassen.

Im Laufe der Woche entschloss ich mich für eine medikamentöse Einleitung der kleinen Geburt am Wochenende, besprach alles mit meiner Gynäkologin und sie gab mir 4 Tabletten Cytotec mit. Dadurch bekam ich das Gefühl meinem Körper nicht in Gänze ausgeliefert zu sein, allmählich wurden die Tage lang. Das Wissen selbstbestimmt entscheiden zu können die Schwangerschaft gehen zu lassen, fühlte sich richtig an.

Am sechsten Tag nach der Diagnose des verhaltenen Aborts nahm ich mittags vaginal 2 Tabletten Cytotec. Bevor die ersten Wehen nach etwa zweieinhalb Stunden einsetzten, weinte und trauerte ich noch einmal aus aller tiefster Seele. Nach der kleinen Geburt würde ich nicht mehr schwanger sein. So sehr die Tränen schmerzten, so sehr halfen sie beim Loslassen. Eine Stunde nach Wehenbeginn setzte die Blutung ein und ich wechselte die Positionen zwischen Klo und dem kalten Badezimmerboden. Mein Freund war meine Intimsphäre achtend stets in meiner Nähe, außerdem begleitete mich eine meiner liebsten Freundinnen, die gleichzeitig auch meine Hebamme ist, telefonisch.

Eine knappe Dreiviertelstunde nach Blutungsbeginn gebar ich das kleine Wesen eingebettet in reichlich Gewebe ins Klo. Seit Tagen lag für seinen großen Einsatz ein Sieb daneben, im Moment der kleinen Geburt hatte ich aber noch gar nicht damit gerechnet. Im Folgenden war ich überwältigt vom Wehenschmerz und mein Kreislauf dekompensierte etwas, kurz darauf musste ich mich übergeben und entschied gleichzeitig das kleine Wesen im Wasser zu lassen. Das Leben ist das, was einem passiert, während man dabei ist andere Pläne zu machen.

Ich hatte noch eineinhalb Stunden starke Schmerzen, die Blutung hielt sich stets in Grenzen. Wahrscheinlich hatte ich zu spät Ibu genommen - erst zu Beginn der Blutung - aber ich wollte Erleben wie die kleine Geburt sich anfühlt. Auch wenn ich zwischenzeitlich kurz Sterne sah, bin ich froh und dankbar um diese Entscheidung. Der gesamte Verlauf der kleinen Geburt mit all seinem seelischen wie körperlichen Schmerz hat mir geholfen zu verstehen. Von Beginn bis zum Ende spürte ich meinen Körper, meine Gebärmutter und konnte mir sicher sein, dass das, was gerade passierte so von der Natur vorgesehen war.

Ich verlebe noch dunkle Tage und merke immer wieder, dass es Zeit braucht seelisch wie körperlich zu heilen.

Als die Wehen nachließen, schüttete mein Körper Endorphine aus. Ich spürte kein Glück, aber dankbare Erleichterung und Stolz. Den verhaltenen Abort und die kleine Geburt akzeptierend und einen Platz in meiner Biografie gebend, blicke ich dankbar auf die kurze Schwangerschaft, sowie die kleine Seele, die ich in mir spüren durfte. Ich verlebe noch dunkle Tage und merke immer wieder, dass es Zeit braucht seelisch wie körperlich zu heilen. Trotzdem schaue ich vertrauensvoll und hoffnungsfroh in die Zukunft und weiß, dass ich an dem, was das Leben von mir verlangt, wachsen kann.

In der Stadt, in der ich lebe, gibt es kaum eine gynäkologische Praxis, die Frauen überhaupt darüber aufklärt, dass im ersten Trimenon bei einem verhaltenen Abort auch eine kleine Geburt möglich ist. Das ist entsetzlich.

Es soll sich nicht jede Frau für eine kleine Geburt entscheiden, darum geht es mir nicht. Aber jede Frau soll die Voraussetzungen dazu bekommen informiert eine Entscheidung treffen zu können. Dazu muss sie wissen, dass sie eine Wahl hat.

Seit meiner kleinen Geburt beschäftigt mich der Begriff „Fehlgeburt“- wie kann etwas, dass sich in seinem Geschehen so richtig anfühlt, den Wortstamm „fehl“ beinhalten? Ich glaube an die Kraft des weiblichen Körpers und der weiblichen Seele. Wir Frauen sind dafür gemacht eine Schwangerschaft zu empfangen und sie gehen zulassen, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Auch wenn es ungefragt und viel zu früh ist. Alles, was es dazu braucht, wohnt uns inne. Wir müssen nur die Chance bekommen und den Mut fassen uns zu trauen.

Das Ende vom Anfang – Johanna
Johanna (35)Hebamme

Ich bin Johanna, von Beruf Hebamme, 35 Jahre alt. Ich ziehe mich gern zurück und lausche der Stille eines guten Buchs. Reden ist silber, Schweigen ist gold. In mir wohnt ein unerschütterliches Urvertrauen, dass es immer Hoffnung gibt.

Vorheriger Bericht Christina (34)

Sie kamen in der 21. und 20. Woche zur Welt

Am 08.12.2023 veröffentlicht.
Nächster Bericht Nicole (38)

Über den Tafelberg zurück ans Meer!

Am 04.01.2024 veröffentlicht.