Nicole (38)Produktentwicklerin

Über den Tafelberg zurück ans Meer!

Als gleichgeschlechtliches Paar ein Kind zu bekommen, beginnt bereits mit vielen Hürden. Als Nicole aber endlich schwanger ist, freuen sie und ihre Frau Lisha sich unendlich. Sie befinden sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Reise in Südafrika. Hier kommt es leider auch zum Missed Abort, von dem die beiden viel später erfahren. Nun beginnt eine neue Reise: die der stillen Geburt.

Meine Frau Lisha und ich waren gerade drei Tage in Südafrika. Das erste Mal auf Workation. Für vier Wochen haben wir unsere vollgestopfte Welt eingepackt und mit nach Afrika genommen. Vormittags arbeiten, nachmittags Sonne, Natur und Meer.

Für uns beide war das Thema Kinder ein offenes Buch. Nach dem wir ausgewürfelt hatten, wer von uns beiden anfängt, ging unsere wilde Informationsjagd los. Fragen, auf die ich keine Antwort hatte, ploppten auf. Wie macht man das eigentlich als gleichgeschlechtliches Paar? Wann genau ist mein Eisprung? Wie funktioniert mein Zyklus? Ich war ahnungslos. Ich bin dafür, dass wir auch darüber viel mehr sprechen sollten. Ich wurde zum Zyklusprofi.

Wir fanden in unserem Freundeskreis Mr. Supercool, der uns schnell und unkompliziert das lieferte, was wir brauchten. Alle Formalitäten hatten wir selbstverständlich vorher fein säuberlich geklärt. Von Zyklus zu Zyklus wurde das Ganze weniger weird. Wir spielten uns ein und haben alles mit viel Humor gefüllt. Doch jeder Moment, in dem erneut meine Menstruation einsetzte, ließ mich immer ein bisschen mehr zweifeln. Ich bin Sportlerin, hatte mich auf das Thema Schwangerwerden gut vorbereitet und wollte jetzt wie im Sport eben auch Erfolge sehen. Aber mein Körper folgte meinem Trainingsplan nicht.

Kurz vor unserer Abreise hatte ich einen Eisprung und wir haben ganz spontan noch einen Versuch gestartet. Am dritten Tag unserer Reise war meine Menstruation den zweiten Tag überfällig. Die läuft sonst wie eine Stechuhr. Am Abend hielten wir also einen Test mit zwei Strichen in der Hand. Wir waren happy, kauften die ersten Strampler und lagen abends im Bett und malten uns nun das nächste Weihnachten zu dritt aus. Die Excel-Tabelle mit Fristen, Terminen und Dingen, die wir brauchten, war erstellt.

In den folgenden Wochen hat sich mein ganzer Körper ganz nach Schwangerschaft angefühlt. Ich war müde. Meine Brüste spannten, so dass ich recht schnell nicht mal mehr auf dem Bauch schlafen konnte. Nun haben wir zu dritt den Tafelberg erklettert, waren im Atlantik baden und sind Kajak gefahren. Für unser letztes Wochenende hatten wir zwei Tage in Kapstadt geplant. Raus aus dem kleinen Dorf am Meer. Ich konnte es kaum erwarten, zurück in die Zivilisation zu kommen.

Doch plötzlich fühlte ich mich irgendwie verstimmt, traurig und wollte mich nur noch verkriechen. Der Gedanke, dass diese Mood die nächsten Monate anhalten sollte, machte mein mutiges Ronja Räubertochter Herz ganz schwer.

Bei unserem ersten Frauenarzttermin in der 10. Woche sollte sich herausstellen, dass das Herz des Kleinen genau an diesem Wochenende einfach nicht mehr weitergeschlagen hat. Warum wir irgendwann angefangen haben von einem Jungen zu sprechen ist uns selbst nicht so ganz klar. Auf dem Ultraschallbild war das noch nicht zu erkennen. Das hat dann wohl unser Herz herausgefunden.

Lisha und ich waren damals zusammen zu unserem ersten Arzttermin gefahren. Als wir unserer Frauenärztin sagten, wir haben einen positiven Schwangerschaftstest, stieß sie einen Jubelschrei aus und wir alle freuten uns jetzt noch mehr auf das erste Bild.

Da sahen wir es ihn auf dem Ultraschallbild. Doch unsere Frauenärztin stoppte einfach irgendwann. Stille. Dann sagte sie: „Es tut mir leid, ich sehe keinen Herzschlag“. Lisha war in Tränen aufgelöst und ist sofort in eine Welt voller Nebel abgetaucht. Ich hörte mein Herz in mir laut schlagen, meine Ohren machten kurz zu, doch ich versuchte mich weiter zu konzentrieren. Ich wollte keine Info verpassen.

Unsere Ärztin schickte uns mit den Worten: „Sie müssen jetzt gar nichts entscheiden. Sie können warten.“ nach Hause. Dass diese Worte in solchen Situationen von Ärzt:innen selten ausgesprochen werden und wie wertvoll sie für uns noch werden sollten, wurde uns erst ein paar Tage später klar. In den Tagen darauf starrten wir gemeinsam Wände an und immer wieder auch uns. Das Herz und die Augen pickepackevoll mit Tränen.

Niemand hat sich getraut, uns zu besuchen. Wir waren so starr, dass wir uns das auch nicht einfordern konnten. Wir hätten das so gebraucht. Wir fühlten uns allein.

Irgendwann raffte ich mich auf und recherchierte alles, was es zum Thema Missed Abortion im Netz gab. Ich las viele Berichte und Studien zum Thema. Ein paar Tage später hatte ich den nächsten Termin bei meiner Frauenärztin. Der Kleine saß immer noch seelenruhig und unverändert, wie ein kleiner Mann im Mond, in seinem Bettchen. In den folgenden drei Wochen passierte nicht viel, außer dass mein HCG-Wert kontinuierlich sank und mein Körper sich darauf einstellte, diese Schwangerschaft zu beenden. Wir wurden unglaublich liebevoll von unserer Ärztin aufgefangen und über unsere Möglichkeiten aufgeklärt. Sie gab uns drei Tabletten Cytotec®. Ich wusste aus meinen Recherchen vier wären besser, aber eigentlich wollte ich sie ja eh nicht nutzen. Das alles war Anfang Dezember. Weihnachten stand in den Startlöchern. Es war das Weihnachten, an dem wir allen von unserem Glück erzählen wollten. Jetzt hatten wir leider diese traurige Nachricht im Gepäck. Viele waren überfordert und wussten nicht, wie sie mit uns umgehen sollten. Niemand hat sich getraut, uns zu besuchen. Wir waren so starr, dass wir uns das auch nicht einfordern konnten. Wir hätten das so gebraucht. Wir fühlten uns allein.

Dass Abwarten als Möglichkeit neben einer Kürettage existiert, wusste niemand, und einige verhielten sich beim Erklären auch ziemlich skeptisch. Als wir das merkten und uns mental gestärkt fühlten, haben wir uns auf Aufklärungsmission begeben. Die Gespräche waren herzerfüllend und manchmal tief verletzend. Auf einmal waren wir neben unserem Schmerz auch mit Unverständnis konfrontiert. Immer fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, mit diesem Tabu zu brechen.

Zu Weihnachten hatten wir eine große Familienrundreise geplant, die wir am 25.12. abgebrochen haben. Ich hatte seit einigen Tagen leichte Blutungen und große Sehnsucht nach zu Hause. Ich hatte seit einigen Nächten starke Kontraktionen und das Gefühl, er will sich auf den Weg machen. Am 26.12. habe ich mich dazu entschlossen, den Kleinen mit Cytotec® zu unterstützen. Morgens um fünf Uhr legte ich mir drei Tabletten so tief es ging vor die Gebärmutter und weckte meine Frau. Wir kuschelten uns auf die Couch. Ab 12 Uhr bekam ich leichte Wehen, die auch beim Spaziergang gut auszuhalten waren. Ab 15 Uhr stieg die Frequenz und auch Intensität der Wehen immer weiter an. Ab 16:30 Uhr hatte ich eine Stunde lang so starke Wehen, dass mein Körper schlagartig von Schüttelfrost auf Schweißausbruch wechselte. Die Schmerztabletten hätte ich wohl früher nehmen sollen. Doch ich wollte fühlen. Ich hatte starke Wehen, aber blutete nicht. Das machte mir Sorgen. In diesem Moment hätte ich mir so sehr eine Hebamme gewünscht. Jemanden der mir sagt, dass das alles so richtig ist, denn das war es. Ich hatte einige Hebammen angefragt, aber der Hebammennotstand, unser Wohnort auf dem Land und der Zeitpunkt zu Weihnachten waren eine verzwickte Kombi.

Nach einer Stunde gab es wieder eine Pause zwischen den Wehen. Auch wenn diese meist nur ein paar Minuten lang waren, bin ich in diesen Pausen eingeschlafen. 30 Minuten später fing ich an zu bluten. Lisha war die ganze Zeit an meiner Seite. Zusammen mit ihr saß ich nun in der Dusche mit einem Kopfkissen an die Wand gelehnt, einer knisternden Kerze und Palo Santo Räucherholz. Ganz friedvoll und schmerzlos. Kurz darauf hatte ich das Gefühl ich muss auf Toilette und da landete der Kleine samt seinem Bettchen im eingehängten Sieb.

Ein verrücktes Gefühl, das mich glücklich machte. Wir haben diese kurze Zeit zu dritt intensiv und friedlich erlebt. Ihn gehalten, ihn voller Liebe angeschmachtet und uns verabschiedet. Da wir unsere erste Zeit zusammen am Meer verbracht hatten war uns klar, dass wir Ihn auch am Meer beerdigen wollen. Am letzten Tag des Jahres haben wir ihn in einer kleinen Schachtel zurück in den Kreislauf gegeben. In den Dünen, auf denen ich in meiner Kindheit Verstecke gebaut habe. Zwei unserer besten Freundinnen haben uns begleitet. Der Regen hatte gerade für einen Moment innegehalten. Das Meer eisglatt und still. So standen wir zu viert mit dieser kleinen Schachtel in der Hand in den Dünen. Den Blick aufs Meer gerichtet. Die Tränen kullerten uns allen über unsere Gesichter. Wir haben ihn tief vergraben, den Zettel mit unseren Worten an den Kleinen uns vorgelesen und verbrannt, eine Räuchermischung angezündet und uns in den Armen gelegen. Nach all den Diskussionen der vergangenen Wochen war das unser Moment der Bedingungslosigkeit und insgeheim auch meine kleine Belohnung meinem Körper und meiner Seele die Zeit zu geben, die sie brauchten.

Lieber kleiner Mohnkorn. Du hast mir so viel über das Leben, über mich, über Tabus, Freundschaft und unsere Gesellschaft beigebracht. Du bist stark. Danke, dass du kurz bei uns warst.

Das Ende vom Anfang – Nicole
Nicole (38)Produktentwicklerin

Moin, ich bin Nicole, 38 Jahre alt, an der Ostsee aufgewachsen und Produktentwicklerin. Mittlerweile lebe ich mit meiner Frau in Berlin. Ich liebe es, meinen Körper und meinen Kopf sportlich herauszufordern. Bei Ungerechtigkeiten kann ich mich schwer zurückhalten. Auf meinem Nachtisch liegt immer ein gutes Buch.

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Eine kleine, zarte Sternschnuppe

Am 08.12.2023 veröffentlicht.