Cordelia (32)Marketing Managerin

Wenn das Herz bricht.

Sieben Wochen musste Cordelia darauf warten, ihr Kind zu verlieren. Eine Geschichte über Hoffnung, Demut und viel Geduld

Ich war Anfang 30 und fühlte mich, als könnte ich eine ganze Fußballmannschaft zeugen. Mein Eisprung war pünktlich wie ein Uhrwerk, mein Zyklus und meine Temperaturkurve sahen aus wie aus dem Lehrbuch, die Pille seit Jahren abgesetzt. Während Freundinnen von Endloszyklen, Endometriose und ausbleibenden Eisprüngen berichteten, war ich mir total sicher: Wenn ich will – dann werde ich Mutter. Und zwar zackig. Ich war mir dessen so sicher, wie mit kaum etwas anderem in meinem Leben. So sicher, wie dass das Meer blau ist und der Himmel immer oben.

Und dann fiel uns dieser Himmel eines Tages auf den Kopf.

Als mein Mann und ich gerade etwas mehr als ein Jahr lang ein Paar waren, erfuhren wir durch eine Routineuntersuchung, dass wir auf natürlichem Weg keine Kinder zusammen würden bekommen können. Ein besonders uneinfühlsamer Arzt attestierte uns gar, wir würden wahrscheinlich überhaupt nie gemeinsame Kinder haben. Wie eine Bombe traf uns - das bis über beide Ohren verknallte, unbeschwerte Paar Anfang 30 mit mittelfristigem Kinderwunsch - die Diagnose aus der Hölle.

Nach 2 Jahren voller neuer Diagnosen, diverser Operationen, 2 Jahren mit viel Hoffen und noch mehr Bangen – erhielten wir die unter diesen Bedingungen positive Nachricht: Wir würden es in einer Kinderwunschklinik versuchen können. Gleich mit einer ICSI, der aufwändigsten der vier künstlichen Befruchtungstechniken – aber das war egal, Hauptsache Land in Sicht.

Unsere Behandlungspläne wurden von der Krankenkasse, die verheirateten Paaren die ersten drei der jeweils ca. 6.000 Euro teuren Versuche bezuschusst, bewilligt (ich verzichte an dieser Stelle ausnahmsweise auf meine ausführliche Meinung zur Absurdität der Voraussetzung „verheiratet“ und der Limitierung des Zuschusses auf 3 Versuche). Auf jeden Fall machten wir uns auf eine sündhaft teure und nervenaufreibende Reise, die wir nie gebucht hatten: Die erste Kinderwunschbehandlung. Täglich spritzte ich, die zuvor beim bloßen Anblick einer Spritze ohnmächtig wurde, mir jeden Abend diverse Hormone in den Bauch, damit möglichst viele Eizellen in mir heranreifen würden. Nach einer Zeit kam eine weitere morgendliche Spritze dazu und zuletzt bestand die Herausforderung des Tages darin, eine Stelle am Bauch zu finden, die noch keinen blauen Fleck aufwies. Mein High Score: 6 Spritzen an einem Tag. 12 Tage lang. Ständige Ultraschall-Termine und Blutabnahmen begleiteten das Procedere. Nach der dritten Blutabnahme innerhalb einer Woche, der Körper vollgepumpt mit Hormonen und die Gebärmutter von Kastanie auf Grapefruit expandiert (sie beherbergte inzwischen statt normalerweise einer - zwölf Eizellen von jeweils knapp einem Zentimeter Größe) – kollabierte ich in der Kinderwunschpraxis.

Es war zu viel, ich konnte nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Behandlungsversuch klappte, lag in meinem Alter bei 30%. Die meisten Paare brauchten 3-4 Versuche, andere 5, 6, 7, 8 – wenn es überhaupt klappte. Ich wusste nicht, wie ich eine solche Behandlung noch einmal, geschweige denn noch drei Mal durchstehen sollte – ich war jetzt schon am Ende und zog den Hut vor allen Frauen, die eisern ihre 4, 5, 6, 7 Versuche hinter sich brachten.

Unter Vollnarkose wurden mir kurz darauf meine 12 Eizellen entnommen, und eine Woche später eine befruchtete Blastozyste in meine Gebärmutter transferiert. Nun hieß es warten – würde es sich der kleine Krümel gemütlich machen? Ich traute mich nicht, an den Erfolg der Behandlung zu glauben. 30% waren für meinen Geschmack viel zu wenig Anlass zu Optimismus. Was für ein Glück müssten wir haben, um zu den 30% zu gehören? Andererseits dachte ich, wir könnten jetzt doch vielleicht auch EINMAL so richtig Glück haben in Sachen Kinderwunsch.

Kurz vor Weihnachten geschah ein kleines Wunder. Das, was wir kaum zu hoffen gewagt hatten. Zwei fette Striche, ich war schwanger! Ich machte 10 Tests, so sehr konnte ich es nicht fassen. Wir freuten uns wahnsinnig, unsere Familien und Freunde mit uns - wussten sie doch, wie sehr wir uns ein Kind wünschten und wie verdammt kräftezehrend unser Weg bereits gewesen war. 

Ich wusste, dass in den ersten Wochen noch viel passieren konnte, aber ein Bluttest gab erste Entwarnung: Superwert, volle Kanne schwanger. Wahnsinn! Ich fasste Zuversicht. Ich dachte: Wir hatten bereits so viel Pech – vielleicht wird es jetzt einfach gut! Ich wollte ein einziges Mal nicht die skeptische Realistin sein, sondern einfach nur eins: Guter Hoffnung! Wir kündigten unsere Wohnung, weil wir wollten, dass unser Kind zwischen Kühen und Heidschnucken auf dem Land groß würde. Wir malten uns die Zukunft aus, planten unsere Elternzeit – viel zu früh, aber die Vorfreude war einfach zu groß. Eine Freundin fragte, ob wir uns schon über Namen Gedanken gemacht hatten. Ich sagte „Nee“ und wir sahen uns an und lachten, weil wir beide wussten, dass ich natürlich längst eine Liste in der Schublade hatte. Es war eine wunderschöne Zeit, all die Anspannung rundum das Thema Kinderwunsch – sie war zentnerweise von unseren Schultern gerummst. Der Mann und ich, wir waren die dankbarsten, die allerglücklichsten Menschen. 

Als unser Arzt während eines Ultraschalls in der siebten Schwangerschaftswoche plötzlich still wurde, schlug mein Herz so doll, dass ich dachte, es würde jeden Augenblick in meiner Brust explodieren. Ich verstand nicht, was ich auf dem Bildschirm sah, deshalb schaute ich auf der Suche nach Wahrheit in sein Arzt-Gesicht. Es war ein offenes Buch. Die Stirn in Falten, der kritische Blick, der längst weiß, was er sieht: Einen zu kleinen Embryo, der sich nicht weiterentwickelt hatte. Ich meine, die Lippen des Arztes formten das Wort „Fuck“.

Oh Fuck! Als ich mich wieder anzog, zitterte ich am ganzen Leib. Das anschließende Gespräch schaffte ich ohne Tränen, mein Hirn befand sich im Überlebensmodus und gab mir Anweisungen: „Einatmen, ausatmen, Du merkst Dir jetzt jedes Wort.“ Es sei eine Laune der Natur, man nenne das „Missed Abortion, verhaltene Fehlgeburt“, das würde leider häufig passieren. Er sagte, dass ich nicht schuld daran sei und dass mein Körper alles getan hätte. Er würde selbst jetzt noch stoisch weiter schwanger sein – obwohl der Embryo sich nicht mehr weiterentwickelt habe. Ein winzig kleines, viel zu kleines Pflasterchen auf der riesengroßen klaffenden Wunde in meinem Herzen.

Mein Arzt sagte, wir würden nächste Woche noch einmal nachschauen, aber „Bitte machen Sie sich keine Hoffnungen mehr.“ Das sagte er zwei Mal, in meinem Kopf hörte ich es zweithunderttausend Mal. „Bitte machen Sie sich keine Hoffnungen mehr!“

Draußen im Wartezimmer musste ich neben glücklichen Frauen in froher Erwartung auf den Bluttest warten, der mir die Fehlgeburt bestätigen sollte. Und dort brachen die Dämme, ich begann zu weinen und ich weinte tagelang. Wochenlang. Noch Monate später rannen mir in der Schlange beim Bäcker oder im Meeting im Büro unangekündigte warme Tränen die Wangen hinunter.

Die Diagnose zog mir und dem Mann den Boden unter den Füßen weg. Sie riss mich in ein tiefes Loch, in dem ich eine Form der Trauer fühlte, die ich nie zuvor erlebt hatte. Ich dachte ich kenne das Gefühl von Schmerz, Trauer, Verlust. Aber das war schlimmer als alles was ich kannte. Das war der schlimmste Schmerz, den ich je erlebt hatte. Er schnürte mir die Kehle zu.

Ich fuhr ans Meer, schrie in den winterkalten Ostseewind. Ich schottete mich ab, sagte alle Gruppendates, Babyparties und Kindergeburtstage ab, wollte kaum noch jemanden sprechen oder sehen, außer eine einzige Freundin. Und meinen Mann. Diesen wundervollen Mann.

Der auch litt. Darunter was passiert war und unter meiner bodenlosen Trauer. Wir lernten schnell, dass wir all das unterschiedlich verarbeiteten. Er suchte Halt in seiner Struktur, in der Rückkehr in den Alltag. Für mich gab es keinen Alltag mehr, für mich war nichts mehr wie zuvor. Es war mir unerklärlich, wie alle Menschen einfach auf der Autobahn ihres Lebens weiterrasen konnten – stand ich doch auf dem Seitenstreifen vor einem brennenden Feuerball und schrie mir stumm die Seele aus dem Leib.

Wir verstanden schnell, wie wichtig es war, zu respektieren, wie der Andere trauerte und schickten uns Flaschenpost von einer Insel der Trauer zur anderen. Was uns hätte auseinanderreißen können, schweißte uns nur mehr zusammen.

Bereits am Tag der Diagnose hatte mein Arzt von Curettage gesprochen, man könne die Schwangerschaft sofort per Ausschabung beenden - das sei für manche Frauen seelisch leichter. Bei der Curettage werden Schwangerschaftsmaterial und Embryo unter einer kurzen Vollnarkose abgesaugt. Planbar und effektiv. Klang nach mir! Ich entschied mich trotzdem für den anderen, den natürlichen Weg - die kleine Geburt. Auch wenn sie Routine ist, die Curettage ist eine OP mit all ihren Risiken, nach der der Zyklus sich manchmal nur langsam wieder einpendelt. Außerdem erfuhr ich, dass das Warten auf den natürlichen Abgang bei der Trauerverarbeitung helfen könne. Im Internet las ich, dass Frauen auch bei einer Fehlgeburt eine Hebamme zustünde und ich fand eine Hebamme, die mich auf dem Weg begleitete. Jeder Frau in der gleichen Situation kann ich es nur ans Herz legen, sich auch eine Hebamme zu suchen. Hebammen haben oft einen viel weiteren Horizont beim Thema Fehlgeburt, als GynäkologInnen. Auf meine Entscheidung, mich nicht operieren zu lassen, entgegnete mein Arzt, auf natürlichem Wege könne der Verlust jetzt aber dauern – ein paar Tage, vielleicht sogar Wochen. Ich klammerte mich an „ein paar Tage“ und dann warteten wir.

Und das Warten war schwer. Nach zwei Wochen wollte ich mit der Schwangerschaft abschließen, wieder sowas wie nach vorne schauen, den zweiten Versuch planen, auch wenn mir der Gedanke auf eine Wiederholung der Behandlung oder gar eine weitere Fehlgeburt Panik bereitete. Ich wollte aufhören zu weinen, dieses Leben weiterleben, Freunde sehen, Geschäftstermine planen, reisen - ohne jeden Moment mit der Fehlgeburt rechnen zu müssen. Aber unser kleiner Krümel hatte es überhaupt nicht eilig, er blieb. Und mit ihm all meine Schwangerschaftsanzeichen. Hatte ich die Ausschabung von Anfang an rigoros ausgeschlossen, dachte ich 2 Wochen nach der Diagnose doch über die OP nach. Ich hatte das Gefühl, das Geschehene halbwegs verarbeitet zu haben (little did I know). Wie lange würde ich noch warten müssen? Wie lange noch warten können?

Ich sprach immer wieder mit meiner und einer lieben, befreundeten Hebamme. Sie nahmen mir die Angst vor der kleinen Geburt, ihrer Unplanbarkeit und den Schmerzen – ich würde wohl richtige Wehen bekommen. Als ich dabei war, nach 4 Wochen mit dem zu kleinen Krümel im Bauch die Geduld zu verlieren und kurz davor war, mir einen OP-Termin für die Ausschabung zu organisieren, rückten die beiden meine Glaubenssätze zurecht und ermutigten mich, weiter zu warten und meinem Körper zu vertrauen. Meine Hebamme fragte, ob ich mich bereit fühlte, das Kind gehen zu lassen. Und das war ich! Nach den Gesprächen fasste ich wieder Vertrauen in mich und in meinen Körper. Ich wollte die Curettage nicht, wollte nicht noch eine OP. Ich wollte, dass die Natur mir dieses Kind nähme – wenn sie es mir schon nicht hatte geben können.

Als sich in der rechnerisch 12. Schwangerschaftswoche, 5 Wochen nach der Diagnose, immer noch nichts regte und ein weiterer Ultraschall zeigte, dass mein Körper keine Anstalten machte, die Schwangerschaft loszulassen, machte ich mich auf die Suche nach Cytotec. Cytotec ist ein Medikament, das in Deutschland zwar nicht für die Beendigung von Schwangerschaften zugelassen ist, von Ärzten aber im Off-Label Verfahren bei Abtreibungen oder Missed Abortions in der Frühschwangerschaft eingesetzt werden kann. Es ist ein Prostaglandin, das die Gebärmutter zum Kontrahieren bringt und die Geburt einleitet. Cytotec stand kürzlich medial stark in der Kritik, weil es, eingesetzt für‘s Einleiten der „normalen“ Geburt Nebenwirkungen für das ungeborene Kind und die Mutter haben kann. Das hielt mich nicht zurück, denn mein Kind lebte sowieso nicht und gegen den medialen Aufruhr standen dutzende Studien, in denen Frauen in meiner konkreten Situation sehr gut mit dem Medikament zurechtgekommen waren. Es half ihnen, ihr Kind selbstbestimmt und halbwegs natürlich zu verlieren. Nur durch meine Hebamme bin ich überhaupt auf die medikamentöse Einleitung aufmerksam geworden - von meinen Ärzten wurden mir lediglich „OP oder Abwarten“ angeboten.

Eine Klinik in Hamburg, die das Medikament herausgibt, wollte für die Pillen im Wert von 60 Cent ganze 300 Euro abrechnen und wies gleichzeitig darauf hin, dass sie auch Ausschabungen anböten, die sei für mich kostenfrei – Kassenleistung. Es ist mir schlicht unerklärlich, dass Frauen in einer solch schwierigen, emotionalen Situation der Zugang zu einem Medikament erschwert wird, das eine valide Alternative zu einer Operation unter Vollnarkose darstellen kann. Es ist wahrscheinlich schlichtweg einfach nicht so lukrativ wie selbige OP. Erst als ich meinem Frauenarzt in die Augen sah und ihn konkret frage, ob er mir Cytotec geben könne, rückte er damit heraus, dass er es habe. Er drückte mir ein paar Tabletten in die Hand, erklärte mir, wie ich sie einzunehmen hätte, was die Nebenwirkungen sein könnten und wir planten die Einnahme so, dass er sich am Folgetag direkt in der Praxis um mich kümmern konnte. Ich fühlte mich erleichtert, aber auch, als hätte ich mir gerade eine geheime Schwarzmarktdroge erschlichen, um demnächst etwas komplett Verbotenes, Kriminelles, Falsches zu tun. Und so sollte sich keine Frau fühlen müssen, nur weil sie versucht, ihre nicht intakte Schwangerschaft selbstbestimmt zu beenden.

2 Wochen später, an einem Montagabend um Mitternacht sollte es losgehen. Ich drehte die Heizung im Bad auf, damit es schön warm würde, ich würde hier viel Zeit verbringen. Ich legte Kerzen, ein Feuerzeug, dicke Binden und Schmerzmittel bereit. Füllte zwei Wärmflaschen auf. Der Mann hatte sich für den nächsten Tag freigenommen, damit ich nicht alleine wäre. Jetzt ging es an die Tabletten. Sie zu nehmen, fühlte sich selbstzerstörerisch an. Auch wenn ich wusste, dass mein Kind nicht lebte, fiel es mir schwer, das Himmelfahrtskommando selbst loszuschicken. Ich atmete tief durch, führte 600mg Cytotec vaginal ein, schmiss in weiser Voraussicht eine Schmerztablette hinterher, legte mich hin und versuchte, zu schlafen. Es gelang nicht, ich war viel zu aufgeregt, ich hatte Angst. So viele Geschichten hatte ich über Cytotec gelesen. Die guten, in denen alles halbwegs erträglich war, schnell ging – und die von Frauen, die über Stunden unglaubliche Schmerzen ertrugen, ohnmächtig wurden, gar mit massivem Blutverlust in der Notaufnahme landeten – um dort doch ausgeschabt werden zu müssen. Zu welcher Gruppe würde ich gehören?

In der kommenden Nacht erfuhr ich, warum die Fehlgeburt auch „kleine Geburt“ heißt. Es war blutig, traurig und schmerzhaft. Um 2 Uhr nachts begann es, leicht im Unterleib zu ziehen. Um 4 Uhr wurde der Schmerz stärker, ich musste ihn wegatmen, nahm eine krampflösende Schmerztablette – Blut war noch nicht in Sicht. Ich fürchtete, das Cytotec würde nicht richtig wirken. Um 6 Uhr morgens wurde ich von einer starken Wehe aus dem Schlaf gerissen. Halleluja, das ist es also! Ich stöhnte, setzte mich auf, ging ins Bad – und ein Schwall Blut und Gewebe verließ meinen Körper. Ich wechselte im Halbstundentakt die Binde und verbrachte die nächste Stunde im Bad - mit Wolldecke und Wärmflasche. Atmete, fluchte, weinte. Betrauerte, dass diese Schwangerschaft viel zu früh hier und heute in diesem kleinen Badezimmer enden musste. Dass dieses Kind nie in meinen Armen würde liegen können, mit meinen Grübchen und dem vom Mann geerbten kleinen Knick im Ohr. Nach 2 weiteren starken Wehen ging die Fruchthöhle mit dem Embryo ab – und die Schmerzen wurden schlagartig besser.

Ich krabbelte zurück ins Bett, ließ den Mann eine neue Wärmflasche machen und schlief fest umarmt ein. Am Nachmittag hatte ich einen Termin bei meinem Frauenarzt. Ich blutete weiter stark und hatte Schmerzen, etwas stärker, als am ersten Tag meiner Periode. Der Ultraschall ergab die erste „gute“ Nachricht seit Wochen – das Schlimmste war durchgestanden. Es würde jetzt noch ein paar Tage weiter stark bluten und dann wäre es wohl körperlich geschafft. Ich kam nach Hause, müde, erschöpft – aber auch ein bisschen dankbar, dass es „gut“ gegangen war. Und stolz, dass mein Körper es fast 8 Wochen nach der Diagnose endlich geschafft hatte. Dass wir es geschafft hatten.

Wir haben nie bereut, der Familie und unseren engen Freunden vor der 12. Woche von unserer Schwangerschaft erzählt zu haben – denn ein paar von ihnen wurden so zu Verbündeten in unserem absurden Schmerz. Es half und hilft mir noch, über die Fehlgeburt zu sprechen, auch wenn das nicht immer leicht war. Einige Menschen wussten nicht damit umzugehen, wussten nicht, ob ich darüber reden wollte. Andere kommentierten das Geschehene entweder gar nicht, oder – etwas weniger schmerzhaft, aber auch nicht hilfreich - mit Kommentaren wie „Kopf hoch“ oder „Sei nicht traurig, es war ja noch vor der zwölften Woche.“ Ich lernte, dass Menschen oft das Bedürfnis haben, in so einer Situation etwas vermeintlich Hilfreiches zu sagen, aufzuheitern, zu relativieren. Aber all diese Sätze holten mich nicht ab. Was half war: „Es tut mir leid, wie geht’s dir, möchtest du reden?“ gefolgt von einer Berührung oder einer Umarmung. Oft habe ich dann gar nicht geredet, aber die Einladung tat gut, sie fühlte sich nach Verbindung an. Mir fiel auf, dass Menschen, die um unsere Fehlgeburt wussten, in meiner Anwesenheit über ihre eigene Schwangerschaft und Geburt sprachen, während für unsere Erfahrung kein Raum bestand. Manchmal würde ich einfach unaufgefordert selbst davon erzählen – und es schnell wieder bereuen, weil es meistens zu Überforderung führte. Ich verstand: Über das was wir erlebt hatten, sprach man offenbar nur unter maximal vier Augen. Wenn überhaupt. Ich begann, Gespräche mit mehr als vier Augen zu meiden.

Der unbeholfene Umgang mit Fehlgeburten und die Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft war für uns und ist für viele andere betroffene Paare ein großes Problem: Für uns starb ein Kind, wenngleich ein sehr kleines. Ein über Monate oder gar Jahre aufgebauter Traum ging in Sekundenschnelle in Flammen auf – während das tote Baby im Bauch in der Gesellschaft meist erst als Kind gilt, wenn es ein Gesicht oder gar die ersten Laufversuche getan hat. Dabei ist jede Frau mit einem positiven Schwangerschaftstest für immer eine Mutter. Sie trug ein Kind in sich, egal wie klein es auch gewesen sein mag.

Ich habe mich in dieser Zeit oft unverbunden und mutterseelenallein gefühlt. Meine Trauer war so tief und so real und kaum jemand schien zu verstehen, was ich fühlte. Natürlich lebten alle anderen ihr Leben weiter - aber ich war stehengeblieben, während ich 7 Wochen lang darauf wartete, mein Kind zu verlieren. Unendlich dankbar war ich für meine beiden Hebammen, meinen unglaublichen Mann, meine wundervolle Familie und ein paar sehr gute Freundinnen, die das Ausmaß meiner Trauer verstanden. Ich kontaktierte eine auf Fehlgeburten spezialisierten Paartherapeutin, die der Mann und ich nach ein paar Wochen besuchten. Es tat gut, sich professionelle Hilfe und Beistand zu holen und dem Geschehenen die Trauer und den Raum zu geben, den es für mich und für uns verdiente.

Der Verlust unseres Kindes war das Schlimmste, Traurigste, Schmerzhafteste, was ich je erlebt habe. Er hat mich in meinen Grundfesten erschüttert, mich demütig zurückgelassen und mich vermutlich für immer verändert. Wenn du diesen Text liest, bist du vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es tut mir leid, dass du das durchleben musst. Ich möchte dir sagen, dass du damit nicht allein bist. Dass du dir Hilfe holen kannst, wenn du sie brauchst.

Und ich will dir sagen, dass es irgendwann besser wird, nicht gut, aber besser.

Das Ende vom Anfang – Cordelia
Cordelia (32)Marketing Managerin

Ich bin 32 Jahre alt und Marketing Managerin.

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Wie soll ein Mensch das ertragen?

Am 03.04.2020 veröffentlicht.