Anna (30)Sozialpädagogin

Wie soll ein Mensch das ertragen?

Anna hat in der 12. Woche von ihrem Missed Abort erfahren. Ihrem ungeborenen Kind hat sie danach einen Brief geschrieben, der beschreibt, wie sehr sie es vermisst.

Lieber Bauchknirps,

die Frage "Wie soll ein Mensch das ertragen" stelle ich mir seit Tagen und finde keine Antwort. Dass dein Herz aufgehört hat, zu schlagen, hat mich in meinen Grundfesten erschüttert und mir den Boden unter den Füßen genommen.

Ich möchte, dass du weißt, ich liebe dich sehr, auch wenn wir uns nicht kennenlernen durften. Ich hätte gerne gewusst, wie du bist. Wie du aussiehst, ob du deinem Papa oder mir ähnlich bist.

Ich fühle mich so leer und finde keinen Umgang mit meinem Schmerz, der so groß ist, dass ich ihn kaum fassen kann. Dein Papa sagt mir immer, dass du entschieden hast, zu gehen, oder vielleicht auch die Natur, weil es dir nicht gut ging.

Aber jetzt geht es mir nicht gut, wieso hat daran keiner gedacht? Ich stell mir ständig diesselben Fragen, die mir keiner beantworten kann. Wieso muss ich das ertragen? Und wie soll ich das überleben? Mein Herz ist so unglaublich schwer.

Du fehlst, obwohl du noch nicht mal auf der Erde warst und ich dich nicht sehen durfte. Wie kann es sein, dass sich die Welt weiterdreht, obwohl mir ein Stück Leben genommen wurde, sieht das denn keiner?

Am 15. Januar wirst du von den Ärzten auf die Welt geholt und kannst diese nicht kennenlernen. Bis dahin darf ich dich noch weiter unter meinem Herzen tragen. Hin und wieder spüre ich ein Stechen oder Ziehen und merke, dass sich mein Körper darauf vorbereitet, dich gehen zu lassen. Ich bin es noch nicht…

Ich bin unfassbar aus dem Leben gerissen worden. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Jeder sagte, dass es ein Experiment ist, Mutter zu werden und dass man sein Leben und das, was folgt, nicht planen kann und ich mich darauf einlassen soll.

Keiner hat mich darauf vorbereitet, dass dieses Experiment so schief gehen kann und es so schmerzhaft sein kann. Niemand sagt dir, wie man so etwas überleben soll, wie es weitergeht, wie man diesen Schmerz ertragen soll. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir uns irgendwann sehen und ich dich doch noch kennenlernen darf, du kleiner, wundervoller Mensch.

In Liebe, deine Mama

Das Ende vom Anfang – Anna
Anna (30)Sozialpädagogin

Ich liebe Menschen, mache ganz viel Sport, fotografiere, bin gerne immer noch oft Kind und springe in allen möglichen Trampolinhallen. Mein Mann und ich haben 2018 geheiratet, nachdem wir schon über zehn Jahre zusammen waren. Wir unternehmen viel mit Freunden und Familie.

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Vorbei.

Am 02.04.2020 veröffentlicht.