Julia (30)

Brief an Sadi

In einem Brief an ihr ungeborenes Kind schreibt Julia über die neun Wochen, in denen sie wusste, dass sie schwanger war – und über den Schmerz, der blieb, als sie ihr Baby durch einen Missed Abort verlor. Sie erzählt davon, wie sie sich allein gelassen fühlte, wie sie an jedem Hoffnungsschimmer festgehalten hat und wie die Trauer sie lange einholte.

Es gibt Millionen von Sternen, manche soviele Lichtjahre entfernt, dass uns deren Präsenz niemals bewusst sein wird. Du bist wie einer von Ihnen, aber dass du da warst, war mir bewusst, und selbst als ich es noch nicht wahrhaben wollte, war es mir vom ersten Moment an klar, dass du da warst.

Es waren kleinste Momente im Nachhinein, die ich erst später verstanden habe. Ich fühlte mich anders, tief in mir wusste ich, ich bin nicht mehr alleine. Plötzlich nahm ich alles intensiver war: den Sonnenaufgang bei meinen Läufen, die Sterne in einer kalten Winternacht, die Gerüche, den Geschmack vom Essen. Vielleicht waren es die Hormone, aber vielleicht war es auch mein Unterbewusstsein, das es einfach wusste.

Ich hatte das Gefühl, ich war sorgsamer mit mir selbst, ich hörte mehr auf meinem Körper, und ich bin jemand, der dazu neigt an seine Grenzen zu gehen, mit Sport und mit dem Leben.

Ich war mit einem Mal unsicher und noch verletzlicher wie sonst. Aber gleichzeitig ruhiger. Du hast mir in all der Zeit etwas gegeben, das mir kein Mensch jemals gegeben hat: innere Ruhe. Ich neige dazu, immer unruhig zu sein, und diese Unruhe versuche ich mit Sport oder anderen Dingen auszuleben. Ich bin jemand der oft overloaded ist, von Menschen von Situationen von allem. Aber als du da warst, war ich in mir, als hättest du mir einen Frieden gegeben, den mir keiner geben konnte.

Eigentlich gäbe es soviel zu sagen, und ich weiss ehrlich gesagt nicht, womit ich beginnen soll. Du warst nie geplant, aber als ich wusste, dass es dich gibt, war es nur eine leise Bestätigung. Die Wahrheit, die ich niemanden gesagt habe, war, dass ich es innerlich seit Wochen ahnte.

Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst hatte. Denn ich hatte sie. Ich hatte Angst, mein Leben von vorher zu verlieren, meinen mühsam erarbeiteten Körper. Ich hatte Angst, deinen Vater zu verlieren. Ich hatte Angst, dass nichts mehr so sein würde wie vorher. Die Wahrheit ist, ich habe dich verloren und es ist nichts mehr wie vorher. Du hast mir in der kurzen Zeit, diesen 9 Wochen, so viel gezeigt. Worauf es ankommt im Leben. Und ich werde dich nie vergessen, und dich nie bereuen.

Denn egal, wie hart es war. Egal, wie sehr ich das Gefühl hatte, dass dein Baba uns im Stich gelassen hat. Und egal, wie wütend und unendlich traurig mich seine Reaktion machte. Ich habe mich für dich entschieden.

Und ich hoffe, dass dort oben wo du bist, du es weisst. Dass du weisst, dass ich dich niemals im Stich gelassen hätte. Dass ich mit dir jedes noch so unwichtige Fussballmatch angeschaut hätte, dich überall hin begleitet hätte. Jedes Monster unter deinem Bett verjagt hätte, und jede Change genützt hätte, dein Lachen zu hören.

Ich denk oft darüber nach, wie du geworden wärst, ob du so frech und wild gewesen wärst wie er.

Ob du so impulsiv und wütend wie wir beide es neigen zu sein, geworden wärst? Ob du so traurige, schwarze Augen wie er gehabt hättest? Ob du mit einer kindlichen Direktheit alle Fragen, die dir eingefallen wären, gestellt hättest? Ich werde es nie wissen. Die Fragen werden bleiben. Und die Zweifel.

Ob ich etwas falsch gemacht habe. Ob du es gespürt hast, ob du deinen Baba gehört hast. Ob ich dich zuwenig beschützt habe. Ob ich hätte gehen sollen, an jenem Abend. Ob es etwas geändert hätte.

Ich hab dich gesehen. In meinen Träumen auf diesem Spielplatz oben im Wald, und er hat dich hochgehoben, weil du unbedingt einen Klimmzug schaffen wolltest. Du hast vor Begeisterung gequietscht und manchmal hallt dieses kindliche Lachen noch immer in meinen Träumen.

Es tut mir so leid Sadi, dass er es nicht besser konnte in dem Moment. Es tut mir so leid, wenn du das Gefühl hattest, nicht gewollt zu sein. Es tut mir so leid, dass wir es nicht besser hingekriegt haben, wir hatten einfach Angst.

Ich wollte dich aber immer, auch wenn ich schlimme Dinge gesagt habe, in meiner Verzweiflung. Als du dann weg warst, habe ich tagelang geweint. Ich habe es eine Woche nicht geschafft, dich mit Medikamenten zum Abgang zu bewegen, weil ich an jedem Hoffnungsschimmer festgehalten habe. Gehofft habe, die Ärzte hätten sich getäuscht.

Ich habe es nicht verstanden, warum du gehen musstest. Ich verstehe es noch immer nicht. Ich weine auch jetzt, wennn ich diese Zeilen schreibe, und manchmal vergesse ich den Schmerz. Und dann kommt eine Situation, die mich wieder damit konfrontiert. Sehe irgendwo ein Baby, dunkel und mit blauen Augen, wie du sein hättest können. Und die Tränen und die Trauer kommt, ohne Vorwarnung, wie eine Welle, nimmt mich mit und lässt mich alleine zurück.

Du warst so kurz nur hier, aber du hast mir soviel gezeigt, mir soviel gelernt, über mich selbst und über Liebe. Ich versuche die Liebe, die ich für dich hatte, zurückzugeben, Tieren, der Natur. Aber auch ihm, deinem Baba, ich fühle seitdem noch viel mehr aufrichtige Liebe für ihm, vielleicht weil er ein Teil von dir ist. Und ich in ihm manchmal dich sehe und suche.

In Liebe, deine für immer Mama….

Das Ende vom Anfang – Julia
Julia (30)

Ich liebe Sport und Tiere jeglicher Art.
Mein Baby hätte Sadi geheißen, der Name kommt aus dem Arabischen und bedeutet „glücklich“.

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Ein Gefühl von Ertrinken.

Am 20.05.2025 veröffentlicht.
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Als das Herz aufhörte, zu schlagen.

Am 20.05.2025 veröffentlicht.