Nadja (34)Mutter

Where is the good in goodbye?!

Nadja ist schon Mutter, als sie eine Fehlgeburt erleidet. Wenig später ist sie wieder schwanger - mit Drillingen! Sie verliert leider auch diese hintereinander, binnen sechs Stunden.

Unser erstes Kind kam nach einer komplikationslosen Schwangerschaft ganz natürlich, so wie ich es mir immer gewünscht hatte, in einem Geburtshaus zur Welt.

Als ich von Nummer Zwei erfuhr, brauchte ich obwohl absolut erwünscht, wie auch bei meiner ersten Schwangerschaft, ein paar Tage um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Mir war übel, ich war müde und fing nach einigen Tagen auch fröhlich an mir das Leben als Zweifach-Eltern auszumalen. Unser erstes Kind würde gerade zwei Jahre alt sein und liebte alle Babys im Freundes und Bekanntenkreis..

Oh, das würde so fein werden. Anstrengend, aber wundervoll...

Anfang der neunten Woche beschlich mich ein seltsames Gefühl und als ich dieses mit meinem Mann teilte, konnte er mir irgendwie alle Bedenken nehmen. Bis Ende der neunten Woche nachts plötzlich leichte Blutungen kamen, als ich zur Toilette ging. Ich versuchte, mir einzureden, dass alles gut sei, aber aus einem Ziehen wurden am nächsten Morgen Schmerzen.

Als ich gerade im Wohnzimmer unserem Sohn beim Spielen zusah, bekam ich einen Blutsturz.

Ich weiß nicht ob man das tatsächlich so nennt, aber genau so fühlte es sich an und ich wusste sofort, dass es das jetzt gewesen ist. Trotzdem ist da in all dieser Hysterie noch so etwas wie Hoffnung. Als beim Ultraschall im Krankenhaus festgestellt wurde, was ich nicht hören wollte, brach eine kleine Welt für mich zusammen. Trotz des Anratens der Ärzte entschied ich mich gegen eine Ausschabung, mein Körper hatte bereits selbst die Geburt eingeleitet und ich traute ihm und der Natur zu, dies auch weiterhin selbst zu regeln. Nach zwei Tagen musste ich nochmals zur Kontrolle ins KH - nüchtern, falls sie mich doch ausschaben würden müssen. Ich geriet an eine phantastische Ärztin, die meinte, sie könne mich gut verstehen, es würde alles gut aussehen, mein Körper würde das allein schaffen. Sie gab mir einige Vorsichtsmaßnahmen mit auf den Weg und ich verkroch mich zu Hause wieder in meine Höhle.

Nochmals zwei Wochen später, bei der Kontrolle beim Gynäkologen, war das einzige, das noch blutete, meine Seele.

Meine Seele blutete lange. So sehr, dass ich bzw. wir, uns dazu entschlossen, keine Kinder mehr zu bekommen. Wir sind gesegnet mit einem Kind, die Angst vor einem erneuten Verlust war zu groß.

Gesprochen darüber habe ich nur mit ausgewählten Menschen. Ich habe kein Geheimnis darauf gemacht, wenn jemand fragte, ob wir uns ein Geschwisterchen für unseren Sohn vorstellen konnten, aber wirklich Lust darüber zu sprechen, hatte ich wenig.

Geschämt habe ich mich nicht. Ich war einfach so unendlich traurig.

Ich habe einige Freundinnen, denen es ähnlich ging, aber jede von uns hat es auf ganz unterschiedliche Weise wahr genommen und verarbeitet.

Genau ein Jahr später (mit zwei Tagen Unterschied beim ET) wurde ich unerwartet wieder schwanger. Nach einigen Tagen des Annehmens und des „es soll wohl so sein...“ freuten wir uns wahnsinnig auf dieses Überraschungskind. Zum Arzt wollte ich diesmal allerdings nicht vor der 10. Woche gehen.

So genossen wir ein paar Wochen unser kleines Geheimnis, ich kaufte Bücher für den großen Bruder „wir bekommen ein Baby“ etc., und schob alle Bedenken beiseite, was mir überraschenderweise gut gelang. Eine Freundin, welche kurz nach mir ihr Baby früh verlor, war auch wieder schwanger geworden und wir schrieben viel über ihre Ängste.

Ich kann nicht sagen, ich hätte gar keine Angst gehabt, aber ich war voller Zuversicht und Selbstvertrauen dass dieses Mal alles gut gehen würde.

Ich hatte alle Symptome und Wehwehchen wie auch in den anderen beiden Schwangerschaften, und war sofort reizbar hoch 1000.

Anfang der 11. Schwangerschaftswoche saß ich tiefenentspannt auf dem Stuhl beim Frauenarzt und erfuhr: dass ich Drillinge erwartete! Das ganze Praxisteam, Familie und Freunde und natürlich wir, waren ganz aus dem Häuschen.

Drei aktive, kleine Wesen in meinem Bauch, einfach so, ohne Hormonbehandlung oder ähnliches.

Keiner dem wir davon erzählten, reagierte auch nur ungefähr so entspannt wie wir selbst. Wir hatten keine großen Ängste anhand dieser Herausforderung, wir fühlten uns geehrt und glücklich! Alle drei seien wunderbar entwickelt, so versicherte uns jeder Arzt. Und bereits in der 12. Woche konnte ich die Kindsbewegungen spüren. Was für ein Wunder!

Unser Drillings-Glück währte bis zur 14. Woche, als ich mit leichten Blutungen ins KH fuhr... Ich weinte... Ich fühlte mich hilflos... und konnte es gar nicht fassen, als mir am Ultraschall alle drei entgegen winkten. Alle munter, alles super, alles gut!

Wir fuhren nach Hause und verbrachten die letzte unbeschwerte Nacht.

Ich kenne meinen Körper sehr gut und als mir gleich nach dem Aufstehen den Kreislauf dermaßen zusammenkrachte, wusste ich, da stimmt etwas ganz gewaltig nicht.

Es schmerzt mich immer noch sehr, daher versuche ich mich kurz zu halten...

Im Krankenhaus ging es allen Babys einwandfrei, sie zappelten und ihre Herzen schlugen kräftig. Leichte Blutungen und Ziehen waren da und ich blieb auf Station, hatte einige Tage Bettruhe.

Trotz dem Optimismus der Ärzte spürte ich die Babys plötzlich nach drei Tagen nicht mehr.

Man versuchte, mich zu beruhigen, denn es sei ja ohnehin noch sehr früh für Kindsbewegungen. Seit der 11. Woche spürte ich die Babys jedoch täglich. Man gab mir Schmerzmittel damit ich mich etwas entspanne, meine Gebärmutter müsste Höchstarbeit leisten. Ich solle liegen und ruhen und alles wäre gut.

Ich war an diesem Tag von Besuch gut abgelenkt und war mehr als nur geschockt als ich beim zur Toilette gehen einen der Drillinge in meine Hand gebar.

Die Nabelschnur war schon überraschend stabil... Alles was danach geschah vernahm ich wie in Trance... Beim Ultraschall sagte man mir, das zweite Kind wäre schon sehr weit unten, und man könne nichts mehr tun... Im Kreissaal war ich allein. Es wurde dunkel und ich wollte kein Licht. Ich war allein, weil wir so spontan niemanden für unseren Sohn hatten.

Die Hebamme machte noch eine Ausnahme und ließ meinen Mann und meinen Sohn noch kurz zu mir in den Kreissaal, in welchem Kinder ja eigentlich verboten waren. Man legte mir eine Schüssel aufs WC, um das Baby im Fall der Fälle aufzufangen, aber wie gesagt, die Nabelschnur war bereits viel zu fest als dass sie einfach so aus mir rausgerutscht wären.

So gebar ich Nummer zwei etwa 2,5 h nach Nummer eins. Allein im Dunkeln baumelte sie zwischen meinen Schenkeln.

Dann war ein Hebammenwechsel und eine wundervoll emphatische Frau setzte sich zu mir und redete mir beruhigend zu. Es tat unglaublich gut, ich bin ihr unendlich dankbar.

Beim Ultraschall schlug das Herz von Nummer drei noch kräftig. Es war der Junge mit der eigenen Plazenta, die anderen beiden hatten sich eine geteilt.

Es könnte Stunden dauern aber auch dieses Kind würde wohl gehen, meinte die Oberärztin.

Ich schrieb SMS mit meinem Liebsten, weinte, wimmerte und kam endlich in einen Zustand des Loslassens. Ich habe kurz überlegt, mir Schmerzmittel geben zu lassen, aber ich entschied mich letztlich dagegen. Ich wollte immer alles so natürlich wie möglich und auch wenn die Kinder nicht leben würden, so würden wir das gemeinsam ohne Mittel schaffen.

Ich fing an mit dem letzten Baby in mir zu sprechen, erlaubte ihm zu gehen, lies es los. Immer wieder stürzten Blutgewebe und was weiß ich nicht noch alles in rauen Mengen aus mir. Die Ärztin meinte, sollte ich über längeren Zeitraum viel Blut verlieren, müssten sie eingreifen.

Ich sprach wieder mit dem dritten Baby. Es kam insgesamt sechs Stunden nach Nummer eins zur Welt. Kurz bevor er geboren wurde, erblickte im Kreißsaal nebenan ein anderes Kind das Licht der Welt und schrie. Ich schluckte, presste und dann war er da. Ich klingelte und die Hebamme trennte die Nabelschnur, nahm ihn liebevoll an sich und machte ihn sauber.

Wenig später lag ich auf dem Bett und meine drei Babys wurden mir auf den Schoß gelegt, in winzige Wollmäntelchen gehüllt.

Die Oberärztin und meine Hebamme versuchten alles, um meinen Wunsch nachzugehen, mich nicht auch noch ausschaben zu müssen. Aber ich sah selbst auf dem Ultraschall, wieviel da noch in mir war. Ich war müde und willigte letztlich ein.

Die Narkoseärztin beim Aufwachen erzählte mir, auch sie hätte das schon zweimal erlebt. Da ich die ganze Zeit in den Wehen schrecklichsten Durst hatte, aber nur wenig trinken durfte wegen einer eventuellen Ausschabung, standen sie bereits mit einer Flasche Mineralwasser bereit, welche ich fast ganz leerte.

Ich wusste in dieser Nacht, ich müsste noch allen Freunden, die von den Drillingen wussten, eine SMS senden, damit mich in den nächsten Tagen niemand unbeschwert nach ihnen fragen würde. Die Familie war bereits von meinem Mann informiert und so tippte ich in dieser Nacht eine SMS, welche ich an alle sendete.

Ich verbrachte noch eine Nacht auf der Station, zum Glück allein in einem Zimmer und verkroch mich danach zu Hause.

Die ersten Tage konnte ich nicht einmal ein Kinderbuch vorlesen, in dem es um Tierbabys ging.

Weh getan haben zwei Kommentare, in denen es hieß, dass es eh besser so sei, schließlich wären drei Kinder auf einmal einfach zu viel. Ich glaube, gedacht haben das noch mehr. Vielleicht aber bildete ich es mir nur ein. Ich war einfach unendlich verletzlich in dieser Zeit und fühlte mich unverstanden. Auch von Frauen, die bereits Babys verloren hatten.

Mittlerweile bin ich auf einem guten Weg. Ich wehre mich nicht mehr dagegen, sondern versuche es anzunehmen und damit zu leben. Nachts träume ich immer wieder davon, dass eine Stimme mir sagt, ich solle wieder schwanger werden. Mein Unterbewusstsein verarbeitet wohl.

Einen Rat für andere Betroffene habe ich nicht. Jeder von uns ist so individuell. Von schnellem Ausschaben halte ich allerdings wenig. Ich glaube, der natürliche Prozess ist wichtig, wobei ich das auch schon anders gehört habe und Frauen froh waren, wenn es schnell ging. Und Abschiedsrituale sind mir wichtig. Wie Bäume pflanzen. Und ich habe alle guten Wünsche und Gedanken an unsere vier Babys aufgeschrieben und ins Feuer geschmissen. In meiner kleinen Schatzkiste liegen die Ultraschallbilder und die Fotos der Drillinge, welche man im Krankenhaus gemacht hat.

Da meine Gebärmutter bereits so groß war, wie sie es bei einem Kind im 7. Monat war, hatte ich auch äußerlich noch länger etwas von meiner Schwangerschaft. Beim Vergleich von Fotos war mein Bauch Ende des drittens Monats so groß wie bei unserem ersten Sohn im sechsten Monat. Damals konnte ich nach der Schwangerschaft wunderbar meine körperlichen Veränderungen annehmen. Hey - ein Wunder war in mir herangewachsen! Dieses Mal war das anders für mich. Ich verfluchte meinen Bauch, meinen Körper im allgemeinen. Meinen Körper, mit dem ich mich eigentlich meist im Reinen befand und der jetzt meine Kinder nicht halten hatte können.

Tausend Fragen, der Kopf und die Seele fahren Achterbahn. Weshalb schenkt das Leben uns erst Drillinge, um sie uns dann wieder zu nehmen?! Sinnlos, aber wichtig, dass ich mir darüber Gedanken machte.

Ich ging viel durch die Dunkelheit und gehe es manchmal noch, aber ich weiß jetzt, dass ich daran wachsen werde. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Ich weiß, sie wussten alle vier, dass wir sie lieben und es erfüllt mich mit Stolz, dass ich in meinem Herzen eine Mama von fünf Kindern bin!

Test

Das Ende vom Anfang – Nadja
Nadja (34)Mutter

Ich meditiere gerne und liebe die Natur. Auch wenn sie manchmal grausam sein kann.

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4 Fehlgeburten, ein Regenbogenkind

Am 26.01.2020 veröffentlicht.
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