Stefanie (38)Gesundheitsberuf

Andere Kinder lernen laufen. Unser Baby fliegen.

Stefanie hatte nach mehreren Jahren und Fehlgeburten mit dem Wunsch auf ein zweites Kind bereits abgeschlossen, als sie nochmal schwanger wird. Tragischerweise verliert sie ihren Sohn in der 21. Woche aufgrund einer Gebärmutterhalsverkürzung.

Endlich ein Herzschlag! Nach vier langen Jahren des Wartens war dieser Moment endlich da. Wir hatten eigentlich bereits abgeschlossen mit der Babyplanung. Nach drei frühen Fehlgeburten und etlichen Untersuchungen auf der endokrinologischen Ambulanz, wo „nur“ herausgekommen ist, dass bei uns die Voraussetzungen stimmen, wollten wir einen persönlichen Schlussstrich ziehen.

Eine künstliche Befruchtung ist für uns nie in Frage gekommen, da wir bereits eine ältere Tochter haben. Die vielen Jahre voller Energie und Hoffnung auf ein Baby haben uns müde gemacht. Und wie es oft unverhofft kommt, genau zu diesem Zeitpunkt hat es geklappt, und ich bin tatsächlich nochmals schwanger geworden.

Zu Beginn habe ich noch vorsichtig Tag für Tag verstreichen lassen, und mich nicht zu sehr im Gedankenkino verstrickt. Doch je mehr Wochen vergingen, desto selbstsicherer wurden wir, bis die ersten drei Monate um waren.

„Unser Baby entwickelt sich gut, alles wie es sein soll“, so die Gynäkologin. Auch das Ersttrisemester-Screening war ohne Auffälligkeiten. Es war der Zeitpunkt, gekommen Familie und Freunden einzuweihen. Alle waren total begeistert. Die Hormone haben mich in den nächsten Wochen auf einer Wolke getragen. Klar - die Übelkeit war unangenehm, aber ich habe es hingenommen. Wir waren einfach nur dankbar und glücklich.

In der 17. SSW erfuhren wir, dass es ein Junge wird. Ich hatte Tränen in den Augen. Bald darauf spürte ich die ersten Tritte, was für ein wundervolles Gefühl. Und ich war so glücklich, das nochmals erleben zu dürfen.
Doch dann kam leider alles anders: Aus dem Nichts hat es uns wie eine Welle überrollt.

Ich bekam in der 21. SSW plötzlich Blutungen und meine Gynäkologin stellte fest, dass sich der Muttermund geöffnet hat. Ich musste sofort ins Krankenhaus, dort wurde eine Gebärmutterhalsverkürzung festgestellt.

„Das passiert oftmals still und leise. Genau das ist das Tückische", hat die Oberärztin mir mit viel Mitgefühl mitgeteilt. Viele spüren es nicht, so war es auch bei mir. Die Chance für eine Cerclage stehen nicht gut, das Baby liegt bereits sehr tief es müsste weiter noch oben wandern. Ich wurde stationär aufgenommen und bekam strenge Bettruhe verordnet.

Am selben Nachmittag folgt die traurige Erkenntnis: Es wird zu einer stillen Geburt kommen. Unser Baby kommt, wird aber nicht überlebensfähig sein - was kann es Schlimmeres geben? Die Welt steht in diesem Moment still.

Ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, dass es schnell gehen soll. Ich wollte es nicht hinauszögern, meine Seele sollte nicht noch länger leiden. Nachdem ich die Tabletten zum Einleiten der Stillen Geburt genommen hatte, kam drei Stunden später unser Sohn auf die Welt. Er war so perfekt: die kleinen Hände, die Füße, die Stupsnase, sie waren einfach perfekt. Mein Mann und ich haben ihn im Arm gehalten, mit ihm gesprochen und mussten uns sogleich wieder von ihm verabschieden. Seine Reise zu den Sternenkindern war sein nächstes Ziel. Aber WARUM? WARUM WIR? Es gibt leider keine Antwort auf das WARUM.

Nur: Wie lernen wir, mit der Trauer umzugehen und mit diesem Verlust zu leben? Nachdem es erst vor wenigen Tagen passiert ist, kann ich sagen: das Schreiben (hier) hilft mir. In die Natur gehen. Weinen. Trauermeditation. Viele Gespräche mit meinem Mann. Noch mehr Heulkrämpfe alleine und gemeinsam mit meinem Mann. Die Gewissheit, gute Freunde und die enge Familie zu haben.

Ich habe zudem bereits im Krankenhaus Sprachnachrichten an mich und meinen Sohn verfasst, welche ich mir anhöre, meistens unter Tränen. Das ist mein persönlicher Weg, mein persönlicher Umgang mit der ersten Trauerphase. Alles andere wird wohl die Zeit bringen, wie lange es dauern wird, kann ich noch nicht abschätzen.

Was ich sehr wohl sagen kann, ist, dass mich dieses Erlebnis verändern wird. Mein Fokus auf das Leben und die Zeit, wie nah Leben und Tod beieinander stehen, und worauf es wirklich im Leben ankommt. Diese Sichtweise hat sich bereits massiv in den letzten Tagen bei mir verändert. Ich werde ein paar Dinge in meinem Leben umkrempeln; das weiß ich!

Wir haben das große Glück eine wunderbare, lebendige Tochter zu haben, das hilft natürlich sehr.

Trotzdem ist der Verlust eines Kindes wohl eines der größten Schmerzen für Eltern. Alle, die das hier lesen und das gleiche erlebt haben: Tut das, was euch gut tut, und schaut gut auf euch in dieser herausfordernden Zeit. Das Leben wird uns allen auch wieder die Sonnenseiten zeigen, davon bin ich überzeugt!

Unser Sohn wird einen schönen Platz in einem „Sternenkindergrab“ bekommen, dort können wir ihn jederzeit besuchen.

Wir werden dich nie vergessen: „unser kleinen Engel“.

Das Ende vom Anfang – Stefanie
Stefanie (38)Gesundheitsberuf

Ich lebe mit meinem Mann und meiner Tochter in Tirol und arbeite im Gesundheitsbereich. Menschen zu helfen und zu begleiten, gibt mir ein gutes Gefühl. Für eine ausgewogene Work-Life-Balance mache ich gerne Yoga und Mediation. Außerdem reisen wir oft zu dritt - in Zukunft mit unserem alten Bus welchen wir uns nach der Fehlgeburt gekauft haben. Damit haben wir uns einen anderen Lebenstraum erfüllt.

Vorheriger Bericht Vivien (30)

12 Monate zwischen größter Trauer und unfassbarem Glück.

Am 10.02.2022 veröffentlicht.